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Lebenszeichen

 
Trauma: Therapie

Menschen -

und ich betrachte Psychotherapeuten noch immer uns zugehörig -

sind in mein Unbewusstes hinabgestiegen  wie in ein Bergwerk -

ohne jedes  Unrechtsbewusstsein, ohne sich darum zu kümmern, 

wie ich fertig werde, mit dem, was sie da zutage fördern,

ohne zunächst und zuerst einmal sich einer Ebene von Beziehung 

zu mir zu vergewissern, die tragfähig ist - im Bewussten.

Sie haben Stollen benutzt, deren Benutzung ich nicht verweigern konnte, 

weil ich wie gelähmt war.

Das ist Missbrauch, Misshandlung.
 

Aus freien Stücken

Wem Fühlen

und Denken

in Stücke

geschlagen wurden

die dadurch befreit sind

aus ihrem Zusammenhang

der wehrt sich nicht

wenn man einige Stücke

falsch zusammensetzt

und dann von ihm sagt

er lasse das alles geschehen

aus freien Stücken

Erich Fried

 


 
 
 

Rumpelstilzchen


Der alte Zwerg, der hässliche Zauberer, das alte Männchen – er kann alles und hat – fast – alles: etwas fehlt ihm, und das ! will er von der Frau, der er hilft, Königin zu werden: ein Kind.

Das einzige, was er nicht kann: menschliches Leben schaffen und formen von Anbeginn an; Macht!; aber auch die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld, die sich über das kleine Kind zu eigen gemacht werden soll.

Und so hilft er der vom Tode bedrohten Frau. Nicht um ihrer selbst willen, aus Menschenliebe, sondern um seiner Pläne willen. In einer tchechischen Filmversion macht er sich sogar ganz klein, klein wie ein Püppchen, um ihr Vertrauen zu gewinnen; und erst, als die Falle zugeschnappt ist, zeigt er seine wahre Größe, sein wahres Gesicht und seine Macht.

Die Rettung der (nunmehr) Königin besteht darin, dass sie seinen Namen nennt, das heißt, dass sie erkennt, wer er wirklich ist. Genau das aber versucht das Männlein mit allen Mitteln zu verhindern, denn dann verlöre es seinen Schatz. ...dieses gar lächerliche kleine Männchen auf einem Bein...

Rumpelstilzchen – dein Name ist: Mensch


II

Ein Märchen, das sehr gut auch meine – und vielleicht nicht nur meine – Situation beschreibt. Ich habe es nie gemocht. Schon immer stieß ich mich daran, dass die Müllerstochter den geldgierigen König heiratet, der sie sogar getötet hätte, wenn sie seine Wünsche nicht erfüllt hätte. Unmögliches wird von ihr verlangt – wie von den Menschen in unserer Gesellschaft. Wo das geschieht, sind auch die geheimnisvollen Helfer nicht weit. Doch sie haben ihren Preis, hier wie im Märchen.

Die Erlösung der Müllerstochter ist nur scheinbar. Die Müllerstochter hat Rumpelstilzchen nicht wirklich erkannt und ist auch nicht wirklich befreit; sie ist gebunden an einen skrupellosen, gierigen Herrscher. Ich glaube, Rumpelstilzchen ist nur ein anderes Gesicht dieses Herrschers. Der Herrscher und Rumpelstilzchen ziehen am selben Strang, spielen sich gegenseitig zu, was sie gern hätten. Jeder hilft dem anderen, die eigenen Ziele umzusetzen, auf Kosten des Opfers. Sie gehören zusammen. Der Herrscher braucht Rumpelstilzchen und Rumpelstilzchen den Herrscher. Ohne dieses abgekartete Spiel zu durchschauen, kann die Müllerstochter nicht wirklich frei kommen. In dem Moment, wo sie Rumpelstilzchen wirklich erkennt, erkennt, dass es ist wie sie, kein andersartiges Wesen und schon gar kein Zauberer mit mystischen Kräften, kann sie ihre Freiheit zurückgewinnen. Dann ist sie seinem Zauber nicht mehr unterworfen und nicht ihres wertvollsten Schatzes beraubt, ihres Kindes. Und sie beginnt zu ahnen, dass die magischen Kräfte Rumpelstilzchens etwas waren, was erst im Zusammenspiel ihrer beide, Rumpelstilzchen und ihr selbst, entstand. Magische Kräfte entstehen in Beziehungen, nicht in einem Menschen. Wer das nicht weiß, ist leicht auszubeuten. Wo die Fähigkeit, aus Stroh Gold zu machen, einem alleine zugeschrieben wird, wird der andere von seinen Fähigkeiten abgeschnitten. Wer aber von seinen Fähigkeiten

abgeschnitten ist, ist hilflos und damit ausgeliefert. Ausgeliefert auch, weil der andere erst zum Retter und dann zum beherrschenden Dämon mit magischen Fähigkeiten wird. Oder sollten es sogar tatsächlich ihre eigenen Fähigkeiten gewesen sein, die aus Stroh Gold machten und die sie in ihrer Angst, weil sie ihr nicht geheuer waren, auf ein magisches Wesen projeziert, dass sie rettet und dann in der Gewalt hat?[1]

Den gesamten Zusammenhang und seine Fragestellung kann ich auf meine Erfahrungen mit Therapie übertragen. Denn Psychotherapeuten beispielsweise heißen die Rumpelstilzchen von heute. Therapie und die destruktiven Kräfte, die eine Therapie notwendig machen, gehören zusammen. Solange ich die destruktiven Kräfte meines/unseres Alltags nicht erkenne, kann ich auch meinen Therapeuten nicht erkennen. Die Rumpelstilzchen zu erkennen, zu erkennen, dass sie sind wie ich, entkleidet sie aller mystischen Kräfte und aller Größe.

Rumpelstilzchen: Du bist wie ich

geschrieben etwa 2000

1] In einer anderen Fassung des Märchens, unter dem Titel „Rumpelstünzchen“ als Manuskript der Brüder Grimm im Nachlass C.Brentanos gefunden, ist es gar die Fähigkeit eines kleinen Mädchens, aus Flachs immer „nur“ Gold spinnen zu können. Rumpelstünzchen vermarktet diese Fähigkeit und verhilft ihr zur Heirat mit dem König, verlangt dafür aber, wie auch in der bekannten Version, ihr erstes Kind.

 

 

Trauma: Therapie II

1.

In der Demutshaltung denke ich auf einmal an den Flüchtling, der in diese Haltung hineingezwungen mit einem Integralhelm auf dem Kopf zu Tode gedrückt, erstickt wurde.

Ist es Anmaßung, wenn ich glaube, im Keim zu wissen, was er durchlitt?

Weil ich glaube, dass es nicht um das Körpergefühl der Situation geht, sondern um das Erleben, als Mensch auf der Flucht, als Mensch ohne Zuflucht, so angewiesen, so hilfsbedürftig, zu erleben, das absolut Unfassbare zu erleben, dass dieses schon ganz am Ende sein, diese restlose Kapitulation nicht, angenommen wird, sondern der Starke diese Schwäche zum Anlass nimmt, den Lebensfunken ganz zu ersticken. Das absolut Unfassbare, das, was man bis zum letzten Moment nicht zu glauben vermag, tritt ein.

3.

Eine Szene aus einem Action-Horrorfilm

Der Böse hat die schöne Grace, eine Werwölfin, die aber ihre eigenen Kräfte noch nicht steuern kann, geraubt (ob sie nicht erst durch seine Leute zur Werwölfin gemacht worden ist, weiß ich nicht). Sie bittet ihn, sie zu lehren, was sie wissen muss. Ja, sagt er, es ist wohl Zeit.

Lange und innig sieht er sie an, voller Zärtlichkeit, immer tiefer wird ihr Blick, immer hingebungsvoller, die beiden Gesichter nähern sich einander, jetzt, der Kuss... –

Nein, kein Kuss – sondern das schallende Geräusch der Ohrfeige, mit der er ihr mitten ins Gesicht schlägt...

Sie stürzt zu Boden, aus ihrem Mund rinnt Blut... Hass steht in ihrem Gesicht geschrieben, als sie sich langsam aufrichtet, Hass, ...Ein tiefes Grollen entweicht ihrer Kehle, tiefer und tiefer wird es und da geschieht die Verwandlung: Sie wird zum Tier, zum Wolf...

Das wollte er sie lehren.

Zu 3. Ich glaube, dass so etwas da, und vielleicht nur da geschieht, wo Menschen tun, was man ihnen beigebracht hat; wo sie quasi selbst Hörige sind, wenn auch ohne es zu wissen. So wie ich K. erlebte als einen, der mit der Psychoanalyse noch immer das Werkzeug seiner Väter benutzt, es noch nicht zu seinem gemacht hat, über das er verfügt; der noch nicht selber Mensch geworden ist in der Psychoanalyse, der hörig ist dem Gelernten.

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