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Lebenszeichen

26. September 1983. US-Atomraketen sind Richtung UdSSR gestartet. Das meldet jedenfalls das sowjetische Warnsystem. Stanislaw Petrow erkannte den falschen Alarm - und verhinderte damit vermutlich einen Atomkrieg.


MOSKAU. Hätte Stanislaw Petrow vor rund 20 Jahren anders entschieden, hielten sie jetzt möglicherweise nicht diese Zeitung in der Hand. Die Welt verdankt ihre Existenz der Vernunft der Politiker, einigen glücklichen Zufällen und einem pensionierten Unteroberst aus Russland, der heute unter ärmlichen Bedingungen in einem Vorort Moskaus lebt. Jetzt wurde der vergessene Held Petrow mit dem Friedenspreis der US-Organisation "Association of World Citizens" geehrt. Dafür, dass er in der dramatischen Nacht vom 26. September 1983 nicht den globalen Atomkrieg ausgelöst hat. Obwohl er es laut Vorschrift hätte tun müssen.
"Ich bin kein Held. Ich war nur zur richtigen zeit am richtigen Ort", sagt der schlanke Schnurrbartträger. Die Zeit: einer der Höhepunkte des "Kalten Krieges", einige Wochen, nachdem die Sowjetunion "aus Sicherheitsgründen" eine südkoreanische Boeing mit 269 Passagieren an Bord über ihrem Territorium abgeschossen hatte. Der Ort: die Zentrale für Raketenangriff-Früherkennung (SPRN) in Serpuchow bei Moskau. Rund um die Uhr wachten hier Männer, die im Falle eines nuklearen Angriffs sofort die Sowjetführung informieren solten. Dem Generalsekretär der KP blieben dann 10 Minuten Bedenkzeit - vor dem Befehl für den Gegenschlag.

Für den Oberstleutnant Stanislaw Petrow sah alles nach einem gewöhnlichen Bereitschaftsdienst aus, als er in jener Nacht inden geheimen Bunker stieg, um als ranghöchster Offizier die Arbeit des SPRN-Systems zu überwachen. Doch eine halbe Stunde nach Mitternacht heulte die Sirene auf, rote Warnlichter flackerten: Die Monitore zeigten eine soeben gestartete amerikanische Atomrakete mit zehn Sprengköpfen auf dem Weg in die Sowjetunion. In den folgenden 10 Minuten gab der Computer vier weitere "Start"-Warnungen von einer US-Raketenbasis aus. "Mein Sessel vewandelte sich in einen glühende Bratpfanne. Die schockierten Offiziere starrten mich an in Erwartung meiner Reaktion", so Petrow.
Auf den Satellitenbildern war nichts Verdächtiges zu sehen. Dennoch bestätigte eine Überprüfung des Systems, dass alles funktionierte. Der Computer zeigte hartnäckig einen "höchstwahrscheinlichen Angriff" an.
Petrow legte die Hand auf den Alarmknopf der "Hotline" zum Generalsekretär Jurij Andropow und dachte scharf nach: Fünf Raketen von einer Basis waren viel zu wenig, um sein Land zu vernichten. Die USA hatten schließlich Tausende auf mehreren Basen. Vielleicht war das vielgerühmte SPRN-System doch nicht so perfekt, wie alle dachten. Der Oberstleutnant nahm seine Hand vom Knopf und informierte das Verteidigungsministerium über den falschen Alarm. Minuten später meldeten Bodenbeobachtungsstationen, dass sie keine herannahenden Raketen sahen. "Wir standen in dieser Nacht näher am Atomkrieg als je zuvor", urteilten später die Militärexperten in Moskau.

Statt dem tapferen Offizier zu danken, beschuldigte ihn ein General, in jener Nacht das Logbuch schlampig geführt zu haben. "Ich durfte nicht belohnt werden, dann hätte man bedeutende Personen bestrafen müssen, die das Frühwarnsystem entwickelt hatten", sagt Petrow heute. Nach monatelangen Ermittlungen hieß es, dass die Militärsatelliten durch die Erdstrahlung verzerrte Daten übermittelten. Der Mann, der die Welt gerettet hatte, war zu jenem Zeitpunkt bereits freiwillig aus dem Militärdienst ausgeschieden. Zuvor musste Petrow mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus behandelt werden.

Stanislaw Petrow arbeitete zehn Jahre lang als Ingenieur in einem Rüstungsbetrieb, ehe er pensioniert wurde. Viele Jahre lang durfte der Unteroberst seine unglaubliche Geschichte niemandem erzählen, ehe das Geheimnis anfang der 90er Jahre von einem seiner ehemaligen Vorgesetzen gelüftet wurde. Stanislaw Petrow war nun berühmt, doch der Staat kümmerte sich nicht um ihn. 5000 Rubel (ca. 140 Euro) - mehr war der vergessene Held seinem Vaterland nicht wert. Von dem Preisgeld der "Association of World Citizens" konnte sich der 65-Jährige einen Traum erfüllen: einen modernen Staubsauger.

RP Korrespondent Alexei Makartsev

 

Dieser Artikel hat mich bei seinem Erscheinen (Juni 04) sehr berührt. Ich schrieb damals:

Ich glaube, ich werde anfangen, Berichte über solche Helden zu sameln - in PF ist auch gerade einer über den Soldaten, der die Folterfotos rausgeschmuggelt hat -

Das Leben dieser Menschen ist verhunzt, aber wir haben ihnen viel zu verdanken.
Die Geschichte von Stanislaw P. finde ich unglaublich. Ganz nah kommt mir das Geschehen... ich tauche ganz ein in die damalige Atmosphäre des Hasses und des Misstrauens, der Anspannung, des Feinddenkens...
Ich habe versucht, mir diesen Abend vorzustellen, den Stanislaw erlebt hat - welch ungeheure Kraft hat dieser Mann bewiesen, welche innere Stärke, nicht automatisch, nicht selbstverständlich zu reagieren, sondern mit dem Gewicht der ganzen Person sich eingebracht; er war nicht das Rädchen... !!!
Und was ihn das an Kraft gekostet hat, zeigt der nachfolgende Zusammenbruch.
Und als Belohnung wird er schlecht gemacht, und er endet arm und vergessen - fast.

Könnt ihr spüren, was für ein Wunder es war, dass dieser Mann sich so verhalten hat? In dem ganzen Druck aus Erwartungen und v.a. Hektik? ERNSTFALL!

Dass es so jemand gibt, erfüllt mich mit Wärme, Mut und unglaublichem Stolz auf diesen Menschen, und auf "den Menschen". Dass er anschließend 'abdanken' kann, erfüllt mich mit wohlbekannter Depression - und mit Scham.
Heute wie vor 2000 Jahren...

Ja, Menschen wie er sind es, die mich am Menschen nicht vollständig verzweifeln lassen

DANKE


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