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Lebenszeichen

1. Das Gedicht

Lots Weib

Da schreitet Lot gehorsam und gemessen
vor seinem Weibe her den Engeln nach
willfährig seinem Gott der Feuer legt
an Sodom und die Stadt Gomorrha

und nur ihn rettet: Lot der wegsieht
Lot der gehorcht wo ihm befohlen wird.

Verstockt und stockend folgt das Weib
dem schwarzen Rücken. Ihr Schritt

schleppt Schwer an der Erinnerung
der hellen Gassen Märkte Gärten
kühlen Brunnen wo Menschen lachten
stritten und ihr nahe waren.

So übermütig fern von Gott
so unbewölkt von seiner Strenge
so heiter war die Stadt.

Den Feuerdonner übertönen
die Folterschreie die aus Sodom branden.
Doch Lot fällt kein Entsetzen in den Schritt
kein Schrecken zerrt an des Gerechten Nacken.


Da
richtet sie sich auf
und schwingt herum
zu Salz erstarrt der Tränen von
Gomorrha - setzt sie ihr Leben dran

um hinzusehn

Alle Rechte bei Margret Gottlieb

 

2. Das Bild

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3. Was sie mir bedeuten

< Die Gott die Stirn bot>

Das Gedicht von Margret Gottlieb erzählt in beeindruckender Weise von der Integrität, dem unglaublichen Mut dieser Frau, uns überliefert ohne Namen, ist sie der Bibel doch nur "Lots Weib", ist sie der Bibel ausreichend bestimmt über ihren Mann. Und eben diese Frau pfeift auf die Weisung ihres Gottes, als es darum geht, integer zu bleiben, Wirklichkeit trotz aller Gefahr für Leib und Seele nicht zu leugnen, sondern sich dem Schmerz, dem Verlust, dem Geschehen zu stellen, es anzusehen. Das Gedicht endet mit dem eingegangen Wagnis, der Erstarrung.

Lange, lange war mir das Gedicht eine, nein, die einzige Möglichkeit der Identifikation, eine Möglichkeit, dem, was mir geschah, was ich erlebte, SINN abzugewinnen.

Ich fand das Gedicht wieder in einer Karte aus dem Tarot, der „Fünf der Kelche“. Eine große schwarzgekleidete Frau steht, sicht-lich gramgebeugt, erstarrt, vor drei umgefallenen Kelchen. Die Kelche, die sich ursprünglich vom Gral ableiten, können als Sym-bol für die Wasser des Lebens verstanden werden, stehen für Liebe, Spiritualität, den Bereich der Seele; hier umgefallen, d.h. zerstört, verloren; daß es drei Kelche sind deutet darauf hin, daß es ein sehr Grundlegendes war, was zerstört wurde („drei“ als Symbol für Ganzheit, Drei-einigkeit), vielleicht alles, woran ein Mensch ge-glaubt hat, was seine seelisch-geistige Welt ausgemacht hat.*

Das Gedicht endete mit der Erstarrung. Die Karte führt die Dimension Zeit wieder ein und zeigt, was geschieht, wo sich je-mand auf das im Gedicht geschilderte Wagnis einläßt. Zeigt: die Erstarrung währt nicht ewig. Wenn das Gedicht den Tod markiert, so die Karte die Auferstehung.

Die Ruinen in der Ferne rauchen nicht mehr, weder Feuer noch Rauch steigt auf. Was hier geschah, ist lange vergangen. Wenn die Frau aufblickte, Kopf und Blick höbe, wäre es das, was sie zuerst sähe. Und als nächstes, sich aus ihrer Erstarrung lösend, bemerkte sie vielleicht die zwei Kelche, die hinter ihr noch stehen.

So groß, so übermächtig das Geschehen auch gewesen sein mag - es hat nicht alles erfaßt.

Der Wirklichkeit gerecht zu werden, muß irgendwann auch heißen, auch das zu erkennen; die ruhig daliegenden Ruinen zu betrachten und sie als Zeugen zwar, aber auch als Relikte, als Vergangenes zu begreifen. Und den Inhalt der zwei aufrecht stehenden Kelche zu benutzen, neues Leben sprießen zu lassen. Es ist alles da.

Zwei Kelche - das bedeutet Polarität, das Aufbrechen von Gegensätzen, aber auch den Anfang von Beziehung, Beziehungsfähigkeit. Ja, der Gegensatz ist aufgebrochen, zwischen Lot und Lots Weib, Leben und Zerstörung, Leben als Fest und erstarrter Religi-on, gehorsamem Knecht und freiem Menschen. Der Gegensatz ist jetzt offenbar. Jetzt ist Sie nicht mehr nur ‘Lots Weib’. Wer ist sie nun? Sie mag aufbrechen, ihren Namen zu finden. Ohne sie kein Überwinden der Gegensätze, keine Beziehung, kein Leben. Sie ist der Gegenpart zu dem alten Gott. Sie bot ihm die Stirn.

In meiner Küche an der Wand auf einem Poster, eine andere große schwarzgekleidete Frau. Rosa Luxemburg - eine Darstellung aus einem Film.
Hinter Gefängnismauern schreitet sie in der Kälte allein durch den Schnee. Auch wenn sie einsam ist - sie scheint nicht verloren, nicht erstarrt. Das Leben freundet sich mit ihr an, wo sie auch ist - und sie sich mit ihm, hier mit einem Raben. Sie lächelt.


* Die Tarotkarte „Drei der Kelche“ unterstreicht noch einmal die Verwandtschaft von Gedicht und Karte: Die Bedeutung dieser Karte, ein Bild der Freude und der Ausgelassenheit: Zeit der Feste und des Glücks. Tanzen, singen, essen, trinken, lieben mit Frauen. Zerstört.

(etwa 1998)

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