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Lebenszeichen

Als die Amerikaner nach dem Anschlag auf das World Trade Center meinten Afghanistan bombardieren zu müssen, war ich so geschockt, dass ich sogar wieder in die Kirche ging zu Friedensgebeten. Der nachfolgende Text enstand in der Vorbereitung für eine Andacht.

Die ursprüngliche Fassung war ein wenig anders, aber sie "fiel durch", da "zu persönlich". Die jetzige Fassung ist ein Kompromiss, aber auch ein wenig irreführend - da ich mich selber nicht als Christin bezeichnen würde. Leider habe ich die Erstfassung nicht festgehalten, nur einzelne Fragmente sind noch vorhanden - die ich bei Gelegenheit noch anfügen werde.



EINE MEDITATION ZUM THEMA FRIEDEN

Ich möchte an dieser Stelle einen Aspekt dieses breiten Themas herausgreifen. Frieden leben – was bedeutet das für uns, für jeden einzelnen von uns konkret und für den Alltag?

Frieden leben, den Frieden wagen, das bedeutet fast immer, ein Risiko einzugehen. Ausgelacht zu werden, verletzt zu werden, im schlimmsten Fall sogar körperlich verletzt zu werden. Für uns hier, in den Situationen, die uns begegnen, heißt es zunächst einmal sicher in den seltensten Fällen, selber Gewalt zu erfahren. Meistens heißt es eher: womöglich verlacht zu werden.

Ich glaube, dass eben dieses in unserem Alltag das größte Hindernis darstellt: Man könnte für schwach, für einen Schwächling, für nicht durchsetzungsfähig gehalten werden. Für blöd... –und es kostet Mut, das auszuhalten. Das mit dem Christlichen ist alles schön und gut, aber doch, wenn’s ernst wird, bitte eben nicht zu ernst zu nehmen, nicht wörtlich.

Du kannst dir doch nicht alles gefallen lassen...
So kommst du nicht weit....
Das bist du dir schuldig...
Bist Du aber naiv...
– sagen dann auch die meisten Christen, die ich kenne.

Es gibt da ein Lied, das gut an diese Stelle passt:
»Fürchte dich nicht, den Frieden zu leben, Fürchte dich nicht , der Schwächere zu sein,
Fürchte dich nicht, für Leben einzustehen, Fürchte dich nicht!«


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In einem Leserbrief in der Rheinischen Post heißt es:
»... dass das Motto ‘keine Gewalt’ zwar einst auf dem Schulhof und im Kindergarten (zumindest grundsätzlich) seine Berechtigung gehabt haben mag, wo es in Gestalt des Lehrers eine mächtige, ordnende Autorität gab, dass diese Einstellung allerdings in der Weltpolitik, wo eine derartige höchste Autorität als Schiedsrichter fehlt, zum Untergang desjenigen führt, der versucht, entschlossene Aggressoren durch salbungsvolle Worte von ihren Zielen abzubringen«

Wer nicht einsieht, dass Gewalt eben notwendig ist, hat eben noch nicht begriffen, dass die Welt kein Kindergarten ist...

In einem Punkt möchte ich dem Schreiber des Briefes zustimmen: Ich glaube auch, dass man den Mut zum Frieden nur aufbringen kann, wenn es etwas gibt, worauf man über die Situation hinaus vertrauen kann. Etwas, worauf ich mich verlassen kann, auch wenn ich „verliere“, scheinbar verliere. Je sicherer ich mich gehalten weiß, umso friedfertiger kann ich sein. Frieden ohne Vertrauen ist nicht machbar. Vertrauen in etwas Größeres...

Vielleicht werden Menschen, deren soziale Verhältnisse überhaupt keinen Halt, kein Vertrauen zulassen, nicht zuletzt deswegen so oft aggressiv. Sie haben nie üben können, den Frieden zu wagen; die Antwort der Welt um sie herum darauf war immer wieder aufs neue Verrat. So sind sicher Jugendliche, die nirgendwo Halt und Geborgenheit erfahren, mit am meisten gefährdet, gewalttätig zu werden. Ich glaube, das gilt für einzelne Menschen ebenso wie für ganze Völker.

Dazu ein Text aus dem Lukas Evangelium, 17, 20f
«Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.«

Das Evangelium sagt uns, worauf wir vertrauen dürfen: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Wir können es nicht sehen, aber es ist da. Und immer wieder hat es Menschen gegeben, die aus diesem Vertrauen heraus alles gewagt haben. Einer von ihnen war Dietrich Bonhoeffer. Nachfolgende Worte schrieb er in einem Rundschreiben an die Vikare und Pfarrer an der Front:

Selig sind die Friedfertigen – Vertonung von S. Fietz
»Wenn um uns herum Streit und Tod ihre wilde Herrschaft üben, dann sind wir aufgerufen, nicht nur durch Worte und Gedanken, sondern auch durch die Tat Gottes Liebe und Gottes Frieden zu bezeugen. Täglich wollen wir uns fragen, wo wir durch die Tat Zeugnis geben können für das Reich, in dem die Liebe und der Frieden herrscht.
Nur aus dem Frieden zwischen zweien und dreien kann der große Friede einmal erwachsen, auf den wir hoffen.
Lasst uns allem Hass, Misstrauen, Neid, Unfrieden, wo wir nur können, ein Ende machen. „Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen Gottes Kinder heißen“.«


Hier sieht einer das Vertrauen in einen größeren Frieden und die Weigerung, die Logik des Krieges anzuerkennen, gerade nicht als Übung für den Kindergarten, sondern als Herausforderung an den Christen gesehen, gerade im Ernstfall. Wir wissen, hier spricht kein Theoretiker. Wir wissen, hier spricht einer, der seinen Worten und seinem Glauben treu geblieben ist. Nicht im Kindergarten, sondern als „um ihn herum Streit und Tod ihre wilde Herrschaft übten“, bis zu seinem Tod. Es hat sicher nicht die Aggressoren von ihren Zielen abgebracht, wie es der Schreiber des Leserbriefes formuliert – das war nicht seine Hoffnung. Seine Hoffnung war, den Frieden Gottes in der Welt zu bezeugen.

In einem modernen Kirchenlied heißt es: „Der Friede Gottes, der viel größer ist, als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, heute und am jedem Tag.“ – Der RP-Leser denkt vernünftig. Nach menschlicher Logik hat er Recht. Nicht zurückzuschlagen führt zum Untergang. Aber Gottes Logik ist nicht die unsere. Gottes Logik sprengt die unsere. Christlich sein, an Gott zu glauben, heißt für mich auch, nicht auf menschliche Logik, sondern auf die Gottes zu setzen; seinen Frieden, seine Güte, sein Reich. Diese Logik findet sich auch in Bonhoeffers Gedanken: „ Nur aus dem Frieden zwischen zweien und dreien kann der große Frieden einmal erwachsen...“

Letztlich machen den Frieden nicht wir Menschen – wir können nur bereit sein für den Frieden, einen größeren Frieden. Es gibt Größeres – wir sind nicht die letzte Instanz. Daraus lebt meine Hoffnung.

Lied: Wir sitzen alle in einem Boot, wir treiben alle auf einem Meer und werden untergehen –
oder überleben, im selben Boot.



1) Wir bitten für alle, die nie erfahren durften, was es heißt, zu vertrauen. Gib ihnen den Mut zum ersten Schritt!
2) Wir bitten für alle Menschen, deren Leben gewaltsam beendet wurde; lass sie eingehen in deinen Frieden!
3) Lass uns im Alltag vertrauen und glauben, dass Dein/Gottes Reich schon da ist, auch wenn es nicht sichtbar ist!
4) Schenke jedem Einzelnen und allen Menschen und Völkern den Frieden!

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Ein weiterer Leserbrief / (Publik Forum)
...Einen letzten Schutz für ein Leben in Frieden gibt es nicht. Aber wir können wachsam sein: Wachsam, ob wir einander achten und ehren oder missachten und benutzen. Wir können wachsam sein, ob es Terroristen gelingt, Vertrauen in Misstrauen auf allen Ebenen zu wandeln – in Misstrauen gegenüber anderen Kulturen und Religionen, gegenüber ausländischen Mitschülern und Kollegen – eben unseren Mitmenschen gegenüber.

Damit beantwortet die Schreiberin eine ganz wichtige Frage: Was können wir tun, da, wo wir stehen, in unserer Situation, in unserem Alltag?

Ich kann etwas tun, überall und in jeder Situation, in der ich vertraue. Wenn ich vertraue, verändert sich etwas. In dem Moment, wo wir vertrauen, beginnt bereits etwas Neues. In solchen Momenten handeln wir nicht mehr aus der aussichtslos scheinenden gegenwärtigen Situation heraus, sondern aus dem heraus, woran wir glauben; wovon wir glauben, dass es einst sein wird. Es ist die Hoffnung, die uns dann trägt. Aus dieser Hoffnung heraus können wir Vertrauen wagen, auch da, wo es aussichtslos scheint.

Ich glaube, das ist es, was Christen tun können: Aus dem Vertrauen in Gott heraus, ein Vertrauen, dass sogar über dieses Leben hinaus reicht, zu agieren, zu handeln. «Das Reich Gottes ist mitten unter euch.« Weil wir darauf vertrauen, dass Gottes Reich schon da ist, auch wenn es nicht sichtbar ist, können wir im Alltag Vertrauen üben. Es geht nicht darum, dass wir alle Helden und Heilige werden. Es geht nicht darum, dass wir Großes tun. Es geht nicht darum, dass wir die Welt retten. Aber es geht darum, welche Richtung wir einschlagen. Wenn wir sagen, christliche Barmherzigkeit, christliche Lebensregeln, wie sie zum Beispiel die Bergpredigt aufzeigt, taugen im Ernstfall nichts, versuchen wir es gar nicht erst. Dann weigern wir uns, dem Stern zu folgen, der uns aufgezeigt worden ist. Wenn wir dagegen daran glauben, dass Jesus uns einen anderen Weg gezeigt hat, dann schauen wir automatisch in eine andere Richtung. Und dann kommt es nicht darauf an, wie viele und wie große Schritte wir auf diesem Weg gegangen sind und auch nicht darauf, wie oft wir versagt haben. Wichtig ist allein, dass wir es versucht haben. Und der winzigste Schritt auf diesem Weg zählt, ist ein ewiger Meilenstein auf dem Weg in den Frieden. Mit jedem dieser Schritte, auch dem kleinsten, beginnt sein Reich, sein Frieden hier unter uns, wird er greifbar. Und mit Bonhoeffer glaube ich daran, dass es dieser Frieden ist zwischen zweien und dreien, aus dem der große Frieden erwächst, nach dem wir uns so sehr sehnen.

Amen

 

Wenn ich diesen Text heute lese, merke ich, wie weit ich mich davon wieder entfernt habe. Wie wenig Bereitschaft ich derzeit habe, Verletzungen zu riskieren, wie sehr ich abgrenze gegen Menschen, deren Verhalten mich kränkt. Das macht mich traurig und nachdenklich.

Ich wünsche mir, wieder mehr Frieden wagen zu können; ich wünsche mir, das mein Vertrauen in das, was größer ist als ich und mich trägt, immer weiter wächst und sich erneuert.

Amen

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