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Lebenszeichen


Ich habe in den letzten Wochen wieder angefangen, an meinem "Hass-Thema" zu arbeiten - und habe es auch heute, wo ich gerade wieder sehr aufgewühlt bin, als sehr heilsam empfunden, einfach ein altes Manuskript abzuschreiben (ist von'95)



Der Krieg ist vorbei


„Ich hab geträumt,
der Krieg wär vorbei;
und du warst hier,
und wir war’n frei;
und die Morgensonne schien.
Alle Türen waren offen,
die Gefängnisse leer,
es gab keine Waffen,
und keine Kriege mehr;
das war das Paradies.

Der Traum ist aus –
Aber ich werde alles geben,
dass er Wirklichkeit wird.“

TonSteineScherben


Eines Morgens, in einer Zeit, als ich sehr unter meinem Gehetzt-Sein litt, unter meinem Nicht-Entspannen-Können, hatte ich die Idee, mir einfach einmal vorzustellen: der Krieg sei vorbei... –
mir das einfach einmal vorzustellen, um nicht alles, was ich fühle, vom Krieg abzuleiten; um nicht zu verlernen, wie sich anfühlt, was nicht schmerzt und krankt; um mich nicht gänzlich vom Krieg bestimmen zu lassen, mir meine Gefühle von ihm diktieren zu las-sen...

„... – Stehen wir denn so unter dem Druck der (...) Außen-welt, dass wir uns nicht wie Zivilisierte benehmen können? Kann das sein, dass der Feind draußen so viel Macht über uns hat?

...dass alles, was in der Welt im Argen liegt, und was ich verändern möchte, mich nicht einen Augenblick lang ... menschlich handeln lässt ... Ist das möglich?“

(Der Häftling Valentin zu seinem Zellengenossen Molina in: „Der Kuss der Spinnenfrau“ von Manuel Puig)

Mir vorzustellen, ich wüsste, es gäbe nirgendwo auf der Welt mehr Krieg, nirgends mehr Folter, nirgends mehr Hunger; auch die Tiere würden nicht mehr gequält, um den Appetit der Menschen auf Fleisch zu stillen, und alles andere Schreckliche existiere auch nicht mehr – also all das, was ich immer als Aufgabe vor Augen habe; was nicht sein sollte, aber doch ist und was ich noch verän-dern muss ... – ja, was ich verändern muss, was in meine Verant-wortung fällt ...
Und mir wurde das Vermessene dieses Gedankens bewusst, und auch die Last, die ich auf diese Art permanent mit mir herum-schleppe, eine Last, unter der ich nur zusammenbrechen kann...
Es kann nicht funktionieren, die Welt, in der ich lebe, ständig mit dem Ideal zu vergleichen, welches mir so klar vor Augen steht - sie daran zu messen; ebenso wenig, wie ich die Menschen um mich herum daran messen darf – dann genügen sie nie und die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerreißt mich. – So also nicht. Aber wie dann?
Da ist in mir die Vorstellung von einem, der in der Welt lebt, aber nach neuem Gesetz – der mitten in der Welt nach seinem Gesetz lebt und so in der Welt eine andere Welt erschafft. Und diese Welt ist keine autistische Welt, das eigene Gesetz keine erfundene Will-kür, sondern der Versuch, das erfahrene Geheimnis im eigenen Leben umzusetzen und die Welt damit anzustecken.
Ist es nicht das, was Jesus versucht hat zu vermitteln durch sein Leben, durch seine Gleichnisse? Was er getan hat?

Soweit der text von damals

Das erfahrene Geheimnis... – ja, wir alle tragen ein Geheimnis in uns, welches nur durch uns in die Welt gelangen kann...
Wenn ich verlerne, auf die äußeren Stimmen zu hören, entdecke ich irgendwann das Geheimnis in mir... – das Geheimnis in mir, dass gleichzeitig über mich hinausweist, das mich einbindet in eine größere, umfassendere Wirklichkeit
Es geht nicht einfach darum, uns selbst zu entdecken, sondern um das Geheimnis in uns... – und dieses Geheimnis verbindet uns mit allem, was ist.

Ich bin in der letzten Zeit oft weit weg davon, spüre es nicht mehr; jetzt, wo ich diesen text abschreibe, spüre ich es wieder.
Und ich spüre den Wunsch, es mitzuteilen, egal, ob ich ver-standen werde. Es verlangt danach.

Danke fürs lesen - mögen wir alle ein stück des geheimnis', das wir sind, in die welt tragen

 

Erinnerungen aus dem letzten Jahr fielen mir wieder ein. Die NATO hatte angefangen, Bomben auf den Kosovo zu werfen. Krieg! Es war Krieg!!! Ich lebte in einem Land, das Krieg führte! Und das unter der ersten Regierung, an der die Grünen beteiligt waren! Welch grausame Ironie... Und in mir schrie verzweifelt von morgens bis abends die Frage: was soll ich tun? Was kann ich tun? Was muss ich tun?

Und sah auf einmal Jesus und sein Leben vor mir und dachte: Ich glaube, man kann das Böse nicht besiegen, man kann nur versuchen, es zu wandeln. Hitler z.B. wurde nur besiegt – und deshalb lebt er weiter. Vielleicht war gerade das der „Sieg“ von Jesus: dass seit damals nie mehr ein Sieg, eine Restsprechung, die einfach nur das andere vernichtet, auch der gerechteste Krieg, die gerechteste Hinrichtung wirklich als Sieg, als Gelingen gefeiert werden kann. Und ich dachte, wenn ich das aber für den krieg so sehe und das nicht einfach Flucht aus der Verantwortung sein soll, dann ist das mindeste, dass ich damit für mein Leben ernst mache: dass ich den Krieg beende, wo ich Krieg führe – gegen mich und andere; dass ich einen anderen Umgang erlerne und einübe gegen die, die mir geschadet haben. Das ist es, was ich tun kann und muss, in aller Konsequenz.


Dieser letzte Abschnitt liest sich heute ganz schwer für mich... „man kann das Böse nicht besiegen, man kann nur versuchen, es zu wandeln“ – welch eine Überforderung... Ich merke immer mehr, dass ich mich außerstande sehe, Menschen, die ich als böse empfinde, zu lieben. Damals schien es mir irgendwie leichter... Das „in aller Konsequenz“ – ich bin so weit weg davon inzwischen... oder war ich es damals auch? Schien es mir damals leichter, weil ich von den Menschen viel weiter weg war? Und doch scheint es mir noch immer wahr, dass es das mindeste ist ,was ich tun kann. Aber vielleicht anders? Muss ich vielleicht zunächst das Böse in mir lieben? Aber kreise ich damit nicht wieder nur um mich?

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An dieser Stelle möchte ich noch einen Gedanken von John o Donohue einschieben

Selbst-Bergung

Im Herzen jedes Menschen finden sich unbequeme, störende, negative Eigenschaften oder Kräfte. Es ist eine unserer heiligsten Pflichten, ihnen freundlich und nachsichtig zu begegnen. In gewissem Sinne ist jeder von uns dazu aufgerufen, seinen flegelhaften, ja vielleicht sogar verbrecherischen Eigenschaften ein gütiger Vater, eine liebevolle Mutter zu sein. Unsere Freundlichkeit wird ihre Negativität allmählich erweichen, ihre Angst beschwichtigen und ihnen zur Einsicht verhelfen, das unsere Seele ein Zuhause ist, in dem weder Werturteile gefällt werden noch ein krankhafter Hunger nach einer bestimmten genau festgelegten Identität herrscht.
Wir empfinden das negative gerade deswegen als so bedrohlich, weil es uns zur Ausübung einer Kunst der Barmherzigkeit und Selbsterweiterung auffordert, vor der sich unser kleinliches Denken aufs entschiedenste sträubt.

John o Donohue: Anam Cara


Aber auch dieser Text wirft Zweifel auf: ist es wirklich Nachsicht, die hilft? oder: ist es immer Nachsicht, die hilft? - Die Antworten darauf hängen auch davon ab, wie ich Nachsicht definiere: wenn Nachsicht bedeutet, nicht so genau hinzugucken komme ich zu anderen Ergebnissen als wenn ich unter Nachsicht verstehe, nicht zu strafen und/oder zu urteilen.

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Es war dies eine Zeit, in der ich sehr mit meinen Hassgefühlen zu kämpfen hatte; Hass auf die Menschen, die mein Leben zerstört zu haben schienen. Eine Zeit, in der ich nicht mehr weiter wusste. Und in diese Zeit hinein mein Entschluss: den Krieg zu beenden, wo ich Krieg führe – gegen mich und andere; einen anderen Umgang zu erlernen und einzuüben gegen die, die mir geschadet haben.

Aber damit waren Wut und Hass in mir nicht weg. Sie waren da und fraßen weiter an mir. Jetzt, wo ich nicht mehr damit kämpfte, sie in Handlung umzuset-zen, noch mehr, wie es mir schien. Es war, als ob alle Energie in mir sich zusammenballte und zu reiner Wut wurde.

An einem Nachmittag, kurz nach meinem Entschluss, lag ich gequält auf meinem Bett und hatte das Gefühl, wirklich und wahrhaftig zerfressen zu werden von dem, was da in mir gärte. Ich fühlte, dass dieses Potential an Wut in mir so gewaltig war, dass ich daran sterben würde. Weiße Flecken tanzten in meinem Kopf und vor meinen Augen, ich war halb blind. Aber ich dachte nicht über den anderen Menschen nach, nicht, was ich tun könnte, um es ihm heimzuzahlen, nicht darüber, wie Gerechtigkeit zu erlangen sei. Ich ließ es einfach toben in mir und erkannte zum ersten Mal das mör-derische Ausmaß dieser Energie. Und mit der Zeit ließ der Kampf in mir nach...
Der Moment, in dem ich meine Blindheit und mein Lahmgelegt-Sein als tödliche Gefahr begriff – für mich! – dieser Moment, als ich nur noch aus reiner, vernichtender Wut zu bestehen schien, war gleichzeitig der Moment, in dem eben dieses Gefühl begann, sich zu wandeln. Ich wurde ruhiger nach und nach; und abends, nach-dem ich noch ein Bad genommen und es mir gemütlich gemacht hatte, fühlte ich mich auf einmal seltsam angenommen und geborgen.

An diesem Tag habe ich zum ersten Male erfahren, dass Wut zwar eine gewaltige Energie ist – aber sie nicht an diese spezielle Erscheinungsform gebunden zu sein scheint, sondern sie umgewandelt werden kann.

Und später war da auf einmal wie eine Vision diese Stimme, die zu mir zu sagen schien: "Ich lade dich ein in ein Land, ein heilendes Land, in dem du leben kannst. Aber dieses Land ist nur ohne Gewalt betretbar; sobald Gewalt von dir ausgeht, wirst du es nicht mehr finden, verlässt Du das Land..."

Der Blick, die Konzentration auf den Feind, lässt Kriegsmaterial produzieren, löst Kriegsvorbereitungen aus.
Wie viel sinnvoller ist es doch, den Blick auf das Neue zu richten, auf das, was mich trägt, was mich nährt, was mich wachsen lässt...


„Ich hab geträumt,
der Krieg wär vorbei...


Ich glaube, man kann diesen Traum gar nicht oft genug träumen... Woher sonst soll die Kraft kommen, ihn zu leben? Wie sonst soll Neues aufbrechen?


In einem anderen Lied ("Steig ein" )beschreibt dieselbe Gruppe wunderschön und poetisch eine Vision:

Als ich in jener schlaflosen Nacht über die kalten Straßenzüge und neonbleichen Häuserreihen hinweg in den klaren Winterhimmel schaute, fiel mir ein Stern auf; er gefiel mir; und je länger ich ihn betrachtete, desto größer und leuchtender wurde er für mich...

Der Betrachter richtet seinen Blick über das Negative hinweg auf einen Stern, der gerade dadurch an Klarheit gewinnt...

Das Lied erzählt weiter, wie dieser wunderbare Stern beschaffen ist und wie die Menschen auf ihm leben und erzählt dann von der Suche nach dem Land, dem Planeten dieser Vision in Bibliotheken und Gesprächen, bis jäh klar wird:


Es kann nur einer sein,
mein Stern, dein Stern:
Unsere Heimat, die Erde!
Die Zukunft der Erde,
die Erde der Zukunft!
Sie liegt vor uns!


Und diese Zukunft hat schon begonnen und beginnt in jedem Au-genblick, in dem eine oder einer von uns den Krieg beendet ...

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