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Lebenszeichen

Geschichten

Tunnel

Diese Geschichte ist eigentlich die Auflösung eines Rätselspieles, wie sie vor einigen Jahren einmal in Umlauf waren. Man bekam einen oder zwei Sätze, die gewisse Informationen enthielten, und musste daraus auf die zugrundeliegende Geschichte schließen. In diesem Fall waren die Anfangsinformationen: Als der Zug durch den Tunnel fuhr, erschoss sich der Mann. Hätte er im Raucherabteil gesessen, wäre das nicht passiert. Soweit das Rätsel. Die Geschichte war folgende:

Ein Mann war sein Leben lang blind gewesen. Nun war er aber operiert worden, eine Operation, die ihm das Augenlicht geschenkt hatte. Er befand sich gerade auf der Heimfahrt. Als nun der Zug, für ihn offenbar unerwartet, in den Tunnel fuhr und es stockfinster wurde (in dieser Geschichte herrschte anscheinend zusätzlich ein Stromausfall), dachte er, er sei wieder blind und gab auf. (In einem Raucherabteil hätte er vielleicht das glimmende Ende einer Zigarette sehen können...und seinen Irrtum bemerkt.)

Der Mann konnte also die Dunkelheit nicht mal einen Tunnel lang ertragen - weil er dachte, es sei wieder die völlige Dunkelheit, die ihn sein Leben lang begleitet hatte. Es war nicht die Dunkelheit an sich, die ihn so erschrak - hätte er gewusst , dass es ein Tunnel und deshalb dunkel war, hätte er sich sicher nicht umgebracht.
Ich glaube, dass es im Leben oft so ist: Wir erleben etwas, was wir als Signal für etwas anderes werten, und reagieren, vielleicht nicht ganz so drastisch, wie dieser Mann, aber doch so, dass wir nicht mehr erkennen können, dass tatsächlich nicht das Erwartete, sondern etwas ganz anderes eingetreten ist, was zunächst vielleicht an das Befürchtete erinnerte.

Re-Traumatisierungen mögen oft genau so verlaufen. Ich glaube, gerade wenn ein Signal auf die unbewusste Vergangenheit trifft, also überhaupt nicht als solches erkannt werden kann - und das kann ein einziges Wort sein - reagieren Menschen manchmal wie dieser Mann. Sie überprüfen Realität nicht mehr, es setzt ein Mechanismus ein, der alles verschließt, und der innere Film kommt ins Rollen...

Ich wünsche mir und allen, die hier lesen, zu lernen, dass es oft nur Tunnel sind, die ich gerade durchquere, und es nicht die große, große Dunkelheit ist, die mich wieder eingeholt hat. Auf dass ich, und jeder von uns, noch viele Tunnel durchstehe!

 

9.10.06 20:41


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