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Lebenszeichen

 

Der innerste Raum

Ernesto Cardenal

Alle Menschen nennen eine innere Kammer ihr eigen. Im Innern jedes menschlichen Wesens gibt es einen Raum, einen ganz persönlichen Bereich, zu dem nur Gott Zutritt hat. Aber die meisten Menschen ignorieren das Vorhandensein dieses innersten Raumes, und darum ist ihr Herz leer und ohne Liebe. Denn die menschliche Liebe, nicht einmal die allerheftigste, dringt jemals in diesen Bereich vor. Gott ist es, der draußen steht und darauf wartet, eingelassen zu werden. » Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an ... «, heißt es in der Apokalypse.

Alle Menschen hören im innersten ihres Seins diesen Ruf. Es ist die klagende Stimme, die Nietzsche in seinem Herzen zu hören glaubte und die ihn mit Angst und Schmerz erfüllte. Es ist die Stimme im Hohen Lied der Liebe: » Öffne mir, meine Schwester, meine Gattin, meine Taube, meine Unbefleckte. Mein Haupt ist bedeckt vom Tau und meine Haare vom Reif der Nacht.« Aber die Geliebte antwortet von ihrem Lager: »Ich habe meine Tunika schon abgelegt. Wie sollte ich mich noch einmal kleiden? Meine Füße habe ich schon gewaschen, wie sie noch einmal schmutzig machen?«

Die meisten Menschen hören diese schmerzerfüllte Stimme in der Nacht und ein Klopfen an der Tür. Darum ist ihr Herz voller Trauer. Wir suchen das Glück außerhalb unserer selbst, anstatt der Stimme in unserem Innern zu lauschen. Vielleicht wissen wir, dass wir uns nach innen wenden sollten, und tun es nicht, weil wir auch wissen, dass wir vorher durch den Kampf der Lossagung von allen Dingen und sogar der Lossagung von uns selbst hindurch müssten. Gott ruft uns in unserem tiefsten Sein, so tief, dass wir denken könnten, er wäre außerhalb unserer Seele. Er wohnt aber tiefer als unser Gewissen und unsere Träume.

Wir hassen das Alleinsein. Im Zug, im Wartezimmer oder wo wir auch sind, fürchten wir uns vor dem Alleinsein mit uns selbst, ohne ein Buch, ohne eine Zeitschrift, ohne etwas zu sehen, zu tun, oder zu hören. Und währenddessen wartet unser einziger Begleiter, unsere einzige Liebe vor der Tür unseres Herzens.

Der Mensch wurde für die Liebe geschaffen, einzig geschaffen, um seinen Schöpfer zu lieben. Und alle Zeit, die er nicht dieser Liebe widmet, ist vertane und vergeudete Zeit.

Die Liebe ist das einzige Gesetz, dass das Weltall regiert. Sie ist das Gesetz, dass die Sonne und die Sterne bewegt, wie DANTE sagt, weil sie das Gesetz der Kohäsion ist, das alle Dinge zusammenfügt. Die Materie, aus der das Universum gemacht ist, ist Liebe. Jeder Körper im Universum übt eine Schwerkraft auf alle anderen Körper aus. Die Erde zieht alle Dinge an, und diese Dinge ziehen sich untereinander wieder an. Die Erde zieht den Mond an, und die Sonne übt eine Schwerkraft auf die Erde und den Mond und alle Planeten aus. Und alle Sterne ziehen wiederum die Sonne und die Planeten an und die Erde, mit allem, was auf ihr ist. Jedes Partikel der Materie im Universum zieht alle anderen Partikel der Materie an. Sogar von zwei Körpern in einem absoluten Vakuum, ohne irgendeine Verbindung zwischen sich, wissen wir, dass sie sich intensiv anziehen. Liebe heißt Zusammensein. Und die Liebe ist unsere einzige Freude. Jede Seele, die Gott erschafft, erschafft er verliebt in sich. Das war die unendliche Unruhe im Herzen Augustinus’, bis er endlich verstand, für wen sein Herz schlug und wen er liebte.

Gott ist dieses innerste Gefühl der Einsamkeit in uns und das Wissen, dass es einen Gefährten gibt, der uns von Geburt an begleitet.

Und er ist tief innen in unserer Seele. Dort, wo die Träume wohnen, im Dunkel unseres Unterbewusstseins, in den Tiefen der Persönlichkeit, in diesem intimsten Bereich, der sich keinem mitteilt. An den Quellen der Träume, der Mythen und der Liebe: dort ist der Raum, in dem Gott Wohnung nehmen möchte. Wenn dieser Raum leer steht, dann ist der Mensch von Unruhe, Angst und Überdruss bewohnt. Dann helfen ihm weder Geld, noch Besitz, noch alle Schätze der Erde, aus seinem leeren Herzen weht der eisige Wind der Einsamkeit. Und dann kann es geschehen, dass die unterdrückte Seele, so lange der Liebkosung Gottes beraubt, nachts wach wird (vielleicht nach einem Abend voller Vergnügen und Genuss) und erschrocken ist über ihre eigene Leere.

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3.1.07 14:00
 

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