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Lebenszeichen

Gerade in dieser Adventszeit habe ich sehr bewusst versucht, still zu werden und nach innen zu gehen. Dabei hat mich auch der wunderbare Text von Ernesto Cardenal über die Innere Kammer beschäftigt; so habe ich beispielsweise im Gespräch mit meiner Nachbarin versucht, ihr davon zu erzählen; und wie wichtig es sei, den Zugang dazu zu finden – und dass ich sie jeder Gesellschaft vorzöge; dass ich mich darauf freue, Heiligabend allein zu sein. – Aber die Kammer blieb am Heiligen Abend verschlossen – der Heiligabend war verheult, trotz aller inneren Vorbereitung auf das Fest... Was ist da passiert?

Ich glaube, es hat zum Teil sicher auch damit zu tun, dass ich mir nicht mehr klar gemacht habe, WORAUF ich mich eigentlich vorbereite... – denn ich feiere ja nicht die Geburt des Heilandes, unseres Herrn. Andererseits habe ich aber christliche Literatur zur Vorbereitung benutzt – gerne benutzt, und sie hat mir unendlich viel gebracht. Trotzdem gibt es da Differenzen...

Ich glaube, dass ich nicht mehr so isoliert bin, wie ich einmal war, hat auch Nachteile mit sich gebracht...

Ich bin nicht mehr so nah bei mir, sondern werde viel stärker wieder auch durch äußere Vorgaben benutzt – und das ist jetzt das christliche Weihnachtsfest.

Die tiefen Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, habe ich aber jenseits dieses Festes gemacht. Es gab Brücken und Verbindungen – und so habe ich beispielsweise auch immer wieder meine Krippe, bzw. die meiner Großeltern aufgestellt. Sie ist Teil meiner Wurzeln – meiner ganz persönlichen einerseits, und meiner religiösen andererseits.

Aber auch wenn das, was die Kirche feiert, auch meine Wurzeln sind, stehe ich heute doch woanders, bin ich nicht beheimatet in den Glaubensinhalten der Kirche. Wir haben dieselbe Wurzel – aber wir sind verschiedene Wege gegangen, die Kirchenchristen und ich - um es mal so auszudrücken. Es gibt Verbindung, aber es ist nicht das, in dem ich heute lebe.

Da das, was mich hält und trägt, aber keine äußere Struktur hat, ist es leicht passiert, dass ich mich wieder von äußeren Vorgaben vereinnahmen lasse, mich besetzen lasse davon.

Das passt gut zu meinem Ziel für dieses Jahr: mehr Ordnung in mein Leben zu bringen. Vielleicht wächst damit ja so etwas wie eigene Struktur...

Aber noch mal zurück zum verhunzten Heiligabend. Ist/war es vielleicht auch der Wunsch, Schmerz zu vermeiden, der mir im Weg stand? Ist Schmerz vermeiden die Lösung? Oder Schmerz aushalten?

Ich wurde an den Stein in mir erinnert – und daran, dass Heilung für mich auch bedeutet, wieder weich zu werden. Den Stein zu verwandeln /verwandeln zu lassen – und dass Weinen und Schmerz fühlen dann auch ein Stück Heilung sein können.

Ich bin nach Innen gegangen – aber Innen, das bedeutet vielleicht für mich erst mal und immer wieder Schmerz. Und von daher war an diesem verheulten Heiligabend nichts Falsches – es kam mir nur so vor.

Und wie gelingt es mir, meins nicht von Äußerem vernebeln zu lassen? Ganz in die Innerlichkeit, ein Einsiedlerleben führen – bewusst? Oder aber die Innerlichkeit ins äußere Leben tragen – mich dem Schmerz wieder aussetzen?

Verliere ich den Kontakt zu dem Licht, der Kammer, dem Feuer, der großen Energie, wenn ich sie behalten will?

Und finde ich ihn vielleicht wieder, wenn ich mich dem aussetze, was dazu im Widerspruch steht?

Und noch ein anderer Gedanke: Ich bin in den letzten Jahren mit tiefen spirituellen Erfahrungen wirklich verwöhnt worden – so sehr, dass ich eben diesmal zu Weihnachten schon fest damit rechnete. Vielleicht muss ich auch hier so etwas wie Demut lernen... Und vielleicht geht es viel, viel mehr darum, das Erfahrene umzusetzen, glauben zu lernen – als immer neue dieser Erfahrungen zu machen.

Fragen. Erst einmal nur Fragen – die ich in mir bewegen werde. Vielleicht finde ich ja in der nächsten Zeit (Raunächte) noch Hinweise.

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Inzwischen ist mir klar geworden, dass ich mein Weihnachten schon hatte, und wie in den letzten Jahren auch, bereits vor dem 24. ...

Als ich neulich schrieb: das Bild mit der Wolke finde ich sehr hilfreich - es packt in ein Bild, was ich auch die ganze Zeit versuche: wenn ich in den inneren endlosen Monolog mit meiner Mutter verfalle, STOP zu sagen - und ihn nicht weiterzuspinnen. Mich daran zu erinnern, dass ich so den Weg nicht finde - und Loszulassen. Und nur darum zu bitten, mir einen neuen Weg zu zeigen. Und mir zu helfen, dass ich nicht wieder einen Wutausbruch bekomme... , dass ich nicht die ewig alten Vorwürfe mache... - weil so nichts weiter geht dachte ich anschließend: ich hab doch in den letzten Tagen etwas ganz anderes versucht als einfach STOP zu sagen... Aber um das zu näher zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen...

Irgendwann im Dezember war ich nämlich in einem „Why-Not“ Gottesdienst einer freien evangelischen Gemeinde. Ich hab’s ja nicht mit der institutionalisierten Religion – aber ich kenn halt mehrere Leute aus dieser Gemeinde, und nachmittags hatte mir noch einer von ihnen eine Einladung zu diesem speziellen Gottesdienst in den Briefkasten geworfen. Da stand was von Adventsandacht, besinnlich, meditativ, mit vielen , vielen Lichtlein... Und ich dachte mir, gehste einfach mal hin – kannst ja wieder gehen, wenn du dich unwohl fühlst.

Als ich dort ankam, bekam ich am Eingang, wie jeder andere Besucher auch, eine bunte Pappe, mit einem Teelicht drauf. Und auf der Pappe stand etwas geschrieben. Auf meiner stand (denn auf allen stand etwas anderes, wie ich später erfuhr):

Gut hast du es, wenn du deinen Schmerz nicht übergehst, denn du wirst meine heilende Nähe erleben. Matthäus5,4

Jesus, ich öffne dir meine verwundete Seele.

Amen

Irgendwie verrückt – denn ich kann mir keinen passenderen Spruch für mich vorstellen. Und so bewegte mich dieser „Treffer“ sehr...

Gegen Ende der Andacht wurden dann alle Teelichter angezündet – eines am anderen, und der Pastor sagte noch irgendetwas dazu – ich kann mich aber nicht näher an seine Worte erinnern. Nur noch daran, dass er uns als Anregung mit auf den Weg gab, dieses Lichtlein in der Adventszeit immer mal wieder anzuzünden, und die Worte laut zu lesen, das Gebet zu sprechen.

Ich stellte mein Kärtchen – orangenfarben, mit orangenem Teelicht, ein ganz edles, mit goldenem Stern darauf – auf die Ablage an meinem Bett und sah es oft an. Es sah einfach schon wunderschön aus.

Und eines Abends, ein paar Tage vor Weihnachten, machte ich es noch einmal an. Es war dunkel in meinem Zimmer, und nur dieses kleine Licht leuchtete.

Und ich las den Text und versuchte ihn, nachzuvollziehen. Ich suchte den Ort in mir auf, an dem der Schmerz ist – vielmehr ich wollte ihn aufsuchen. Denn es passierte etwas Seltsames: ich konnte ihn nicht finden.

Ich dachte an die Personen, die für mich seit jeher mit Schmerz verbunden sind – nichts. Ich suchte und suchte, doch – ich konnte meinen Schmerz nicht finden.

Da hörte ich auf zu suchen und bleib einfach ganz still sitzen. Und sah in das leuchtende Kerzlein, in dieses warme orange und ließ es ganz tief in mich hinein und nahm einfach nur wahr: da ist kein Schmerz. Weit fühlte sich das an, unendlich weit und warm und wunderschön.

Als ich später einer Genesungsfreundin davon erzählte sagte sie: sie sähe das als einen Vorgeschmack auf die Heilung. Heilung, meinte sie, ist dann, wenn der Schmerz für immer verschwunden ist, du ihn überhaupt nicht mehr findest.

Und als mir dann später der Schmerz wieder zu schaffen machte, besonders am 1. Weihnachtstag (Heiligabend bin ich nicht drauf gekommen...) hab ich einfach versucht, mir dieses Gefühl zurückzuholen, mich zu erinnern und mich darauf zu konzentrieren.

Mir dieses Gefühl zurückzuholen: da ist kein Schmerz.

Um mich nicht vom Schmerz bestimmen zu lassen, sondern von dem, wo ich hingehe: in eine Zukunft ohne Schmerz.

Für mich waren diese Augenblicke von „Ich konnte den Schmerz nicht finden“ nicht nur einfach wunderschöne Momente, sondern auch so etwas wie eine Prophezeiung: einmal wird der Schmerz vorbei sein. Und wenn ich den Blick darauf richte, kann ich aufhören, mich von meiner Vergangenheit bestimmen zu lassen und sie immer neu zu reproduzieren. Sondern nehme ein Stück Zukunft vorweg. Ein Stück Zukunft, dass ich bereits für wenige Momente erleben durfte. Und an dieses Stück Zukunft kann ich mich erinnern, wenn es jetzt zu schwer wird. Um die Gedanken anzuhalten - und so aus der Zukunft heraus zu handeln.

Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir wieder lernen, auch aus der Zukunft zu leben. Das ist uns irgendwie etwas verlorengegangen. Wir sind nicht nur unsere Vergangenheit, wir sind auch unsere Zukunft!

Und all das wiederum bedeutet mir nicht zuletzt Weihnachten. Weihnachten ist für mich wie ein Licht aus einer anderen Welt, das in die meine scheint, und mir zeigt/mich ahnen lässt, was einst sein wird. Mich Wirklichkeit ahnen lässt jenseits der Enge, in der ich lebe. Mich ganz andere Strukturen ahnen lässt als die, die heute mein Leben ausmachen. Weihnachten ist Prophezeiung und Vorwegnahme für einen kurzen Moment. Weihnachten taucht mein Leben in ein neues Licht. Das Licht von Weihnachten.


2.1.07 18:50
 

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