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Lebenszeichen

 

 

Für alle die heute abend traurig sind, eine Geschichte...

 

WERNER REISER
Vom Engel, der am Weihnachtsabend weinte


Als die Menge der himmlischen Heerscharen schon unterwegs zur Geburt des Kindes war, blieb ein einsamer Engel noch eine Weile in der Höhe zurück. Das sollte ihn teuer zu stehen kommen.

Er fühlte sich in der himmlischen Einsamkeit wohl und zog in großen Bewegungen dahin. Dabei gelangte er zum „Palast der tiefsten Geheimnisse“. Er spürte es erst, als er in der Nähe war und ein unbekannter Sog ihn immer mehr gefangen nahm. Da blickte er auf und sah den Palast. Er war unbewacht und stand weit offen. Alle seine Wächter waren auf dem Weg zur Erde, um dort das schönste Geheimnis der Menschenwerdung mit eigenen Augen anzusehen. Was gab es da noch weiteres zu bewachen und zu verbergen, wenn es doch jetzt aller Welt sichtbar werden sollte.
Das Geheimnis aus der Höhe begann jetzt eben in der Tiefe zu atmen und dazusein. So war der Palast unbewacht und schien leer. Dennoch ging eine seltsame Kraft von ihm aus und ließ dem einsamen Engel keine Ruhe. Er fühlte sich immer näher hinzugezogen und konnte der Kraft nicht mehr ausweichen. Zwar haben auch Engel ihre Befehle und fühlen sich mit ihnen eins. Bei ihnen gibt es keine Kluft zwischen Müssen und Können wie bei uns. Aber für dieses Mal siegte doch die Neugierde und es gelüstete ihn, in alles hineinzublicken.

Er trat in den offenen Palast und folgte den spiralförmig angelegten Gängen, die ihn immer tiefer nach innen führten. An ihren Wänden sah er Bilder und Zeichen, die ihn an vieles erinnerten, was er schon gehört hatte. Anderes wieder war ihm unbekannt und undurchschaubar. Da waren die Urbilder der Schöpfung, die Gesetze und Kräfte alles Lebendigen, Töne, Farben und Formen, da waren die vielen Grundrisse der Geschichte in der Natur und bei den Menschen. Sie standen nicht erstarrt da sondern bewegten sich unaufhörlich, als ob gerade jetzt wieder Neues entstünde. Weiter innen flossen die Gestalten des menschlichen Zusammenlebens immer neu ineinander und alles strömte Lust und Leben aus. Dann kamen die Gänge des göttlichen Rufes, der durch alle Welt hin bis zu Abraham und Mose hallte. Dort schwebten die Hoffnungen der Menschen, die Ahnungen der Seher und die Weissagungen der Propheten.
Und dann, nach einer letzten Krümmung des Wegs, stand er vor dem Innersten, vor der Herzkammer der göttlichen Geheimnisse. Gott selber konnte er nicht sehen. Denn Er ist mehr als die Summe seiner Geheimnisse. Aber was er sah, durchfuhr ihn bis zuinnerst. Da waren drei Bilder ineinander verwoben. Er sah die Geburt eines Kindes, als ob es jetzt geschähe. Und er sah den Tod eines Mannes und der Mann hatte dieselben Züge wie das Kind. Und zwischen beiden stand wie eine Gestalt mit zwei Armen die Liebe. Aber kaum hatte er die drei Bilder wahrgenommen, flossen sie ineinander über. Und jetzt sah er den Tod des Kindes und die Geburt des Mannes und das schreckliche Gesicht der Liebe. Er schrie entsetzt auf und fiel zu Boden.
Als er wieder zu sich kam, taumelte er durch die Gänge zurück. Überall stieß er an die Wände und ihm war, als ob ihm von allen Seiten nur Bilder von Schrecken und Tod entgegenströmten. Die Weissagungen tönten dumpf und drohend, die Hoffnungen zerfielen, die Rufe verhallten, die Gemeinschaften zerbrachen, Menschen und Völker welkten dahin, die Natur litt zum Tode und die Schöpfung barst auseinander. Ihm war, dass auch in seinem eigenen Innern etwas zerbrochen war. Sosehr er sich auch bemühte das ursprüngliche Bild der Liebe zurückzurufen, es gelang ihm nicht. Es kam gegen die andern Eindrücke nicht auf.

Sogar als er wieder im Freien war wurde es nicht besser. Auch der Himmel schien ihm gestört zu sein, und die Einsamkeit zermalte ihn fast. Da durchfuhr es ihn plötzlich: „Ich muss es dem Kind sagen. Ich muss es warnen und beschützen.“ So schnell er konnte, fuhr er zur Erde nieder. Je näher er ihr kam, desto stärker wurde der Gesang der lobenden Heerscharen. Er drängte sich keuchend durch den Jubel hindurch und es gelang ihm, bis in die Nähe des Kindes vorzustoßen. Da lag es, wie er es eben gesehen hatte und über seinem Gesicht stand lächelnd die Liebe. Er versuchte mitzulächeln aber er vermochte es nicht. Und während er noch schaute, verwandelte sich das Bild und er sah das Ende. „Ich komme zu spät“, flüsterte er erschrocken und eine abgrundtiefe Traurigkeit befiel ihn. So stand er und starrte bis ihn ein anderer Engel fragte: „Warum weinst du?“ Er konnte nicht antworten. Da sagte sein himmlischer Kamerad: „Du hast gewiss Trauriges erlebt. Schau doch auf das Kind in der Krippe und du wirst froh werden!“ Der Engel antwortete: „Ich sehe kein Kind in der Krippe. Ich sehe einen Mann im Sarg.“ Da schüttelte der fröhliche Engel den Kopf und wandte sich singend ab.

Andere traten herzu und blickten strahlend auf das Kind. Der traurige Engel aber stand da und weinte. Er merkte nicht, dass seine Tränen auf das Kind niedertropften. Ein anderer, auch ein fröhlicher Engel, sah es, unterbrach sein Lied und sagte halb freundlich, halb unwillig: „Wir alle haben unsere Sorgen mit den Menschen. Ich verstehe dich. Aber du darfst doch dieses Kind nicht mit dem Kummer der menschlichen Not taufen. Freue dich jetzt mit uns. Zum Trauern ist noch Zeit genug. Singe mit uns, du hast eine so schöne tiefe Stimme!“ Doch der Engel schaute ihn nur traurig an und blieb stumm. Da antwortete der andere: „Ah, du willst nicht? Dann gib andern wenigstens deinen Platz an der Krippe frei. Wir wollen uns jetzt freuen. Du verdirbst uns nur das Fest.“ Und sie drängten ihn fröhlich aber langsam nach hinten. So wurde es inmitten der Menge der himmlischen Heerscharen einsam um ihn her. Er ließ sich niedersinken und blieb betrübt sitzen. Der Jubel flutete an ihm vorüber.
Endlich nahte sich ein hoher Engel und nahm ihn unter seine Fittiche. Er fragte ihn: „Warum freust du dich nicht? Das ist doch die schönste Stunde aller Ewigkeiten und Zeiten. Hast du das Kind nicht gesehen?“ Er flüsterte: „Ich habe es gesehen. Aber ich habe auch den Tod des Mannes gesehen. Wir stehen vor der schrecklichsten Stunde aller Zeiten.“

Da erhob sich der hohe Engel zu seiner ganzen Höhe und sagte: „ Du warst im `Palast der tiefsten Geheimnisse´ und hast geschaut, was nur die erlesenen Auserwählten sehen dürfen. Du bist ein Wissender geworden. Wissende aber müssen leiden. Je größer das Wissen, desto stärker der Schmerz. Das kann dir niemand abnehmen. Das wirst du von jetzt an zu tragen haben, solange Liebe sterben muss, um Leben zu geben.“
„Wird man mich strafen?“ fragte der traurige Engel scheu. Der hohe Engel antwortete: „Der Himmel straft nicht. Das solltest du doch wissen. Er gibt nur neue Aufgaben. Höre: du wirst in dieser Nacht überall Menschen aufsuchen, die an sich und an der Welt leiden. Nicht alles Leid ist vorbestimmt, wie du meinst. Geh und suche, wo du Leid abwenden kannst. Du wirst die Menschen ermutigen auszuharren. Du wirst ihre Herzen öffnen für neue Zuversicht und ihre Hände stärken zu neuen Taten. Du wirst ihnen zeigen, dass die Liebe größer ist als das Leben und stärker als der Tod. Ich sende dich. Geh!“

Da erhob sich der Engel und ging. Wieder zog er einsam seines Weges. Aber er blieb nicht lange allein. Schon bald stürzte das Elend der Welt auf ihn ein. Denn weil sich alle Himmlischen um das Kind in der Krippe scharten, waren Lebensräume der Menschen völlig engellos geworden. Und so stand der einzige himmlische Bote auf einmal der unverhüllten Not gegenüber, wie er sie noch nie erlebt hatte.
Er vergaß alles, was in ihm war und fing an zu helfen, zu heilen und zu trösten. Er linderte Schmerzen und zog das Gift aus den Wunden der Seelen und der Leiber. Er versenkte in Schlaf, wer vor Kummer nicht schlafen konnte. Er ermutigte, wer verzweifeln wollte. Er tröstete Trauernde, die nicht vergessen konnten und mischte den Weinenden ein zaghaftes Lächeln unter die Tränen. Er zeigte den suchenden Gedanken neue Lösungen und gab den verwirrten Trieben neue Kanäle. Er entwirrte den Knäuel der Gefühle, die um Hass und Rache kreisten und gab ihnen eine versöhnliche Richtung. Aber es gab viel zu tun und er wurde vor Mühe grau im Gesicht.
Als er sah, dass das Elend kein Ende nahm und er fast nicht weiterkam, begann er die Menschen selber zu beleben und füreinander einzuspannen. Er gab den Satten böse Träume, dass sie erwachten und über die Hungernden erschraken. Er beunruhigte die Friedlichen, dass sie auf einmal den Streit um sich her sahen und aufstanden, um Frieden zu stiften. Er erregte die Sanften, dass sie das Unrecht entdeckten und um Abhilfe kämpften. Er schüttelte die Gleichgültigen, dass ihnen die Augen aufgingen und sie die Not derer sahen, die neben ihnen lebten. Die Menschen wussten kaum, was ihnen geschah und sagten zueinander: „Was für eine seltsame Nacht, in der die Unruhigen ruhig und die Ruhigen unruhig werden, in der Verzweifelte getröstet und die Getrösteten aufgeweckt werden. Es ist etwas Neues unter uns.“ Der Engel arbeitete bis zum Morgengrauen. Dann flüsterte er: „Ich werde noch manche Nacht kommen und trösten.“ Und er verschwand. Er wusste noch nicht, dass er während der Nacht seinen Glanz verloren hatte. Von der Not, von der vielen Arbeit und den vielen Berührungen der Menschen war er dunkel geworden.
Als er zum Kind zurückkam war es um die Krippe still geworden. Die Engel hatten sich müde gejubelt und sich zurückgezogen oder schliefen. Auch die Mutter schlief und lächelte und weinte leise im Schlaf. Nur das Kind war wach und schaute dem dunklen Engel entgegen. Er kniete neben dem Kind nieder und erzählte ihm, was er diese Nacht bei den Menschen gesehen hatte. Und er erzählte ihm, dass die Liebe mehr als das Wissen und größer als das Leben und stärker als der Tod. Und das Kind hörte zu.

Seither darf jeder, der am Weihnachtsabend von einem traurigen und dunklen Engel gestreift wird, wissen, dass er ihn mit dem Elend der Welt und mit dem Kind in der Krippe verbindet.

 
 

24.12.07 17:59
 

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