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Lebenszeichen

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre - Teil 2

 

Der Lärm von innen

Der Wunsch Rilkes »Wenn es nur einmal so ganz stille wäre« richtet sich jedoch nicht nur auf die äußere Stille. Der Dichter fährt fort: »Wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so verhinderte am Wachen«. Vielleicht ist der innere Lärm, der Nachhall der zahlreichen Sinneseindrücke, denen wir heute ausgesetzt sind, noch viel krankmachender und gefährlicher als der äußere Lärm. Vielen fällt es schon schwer, den äußeren Geräuschpegel abzuschalten. Wenn der Straßenlärm erlischt, müssen Fernseher, Radio und Walkman für die entsprechende Geräuschkulisse sorgen. Aber nur wenigen gelingt es, innerlich abzuschalten. Die Gedanken sind so bedrängend, so laut und wirr, dass die äußere Stille als bedrohlich erlebt wird, denn sie macht den inneren Lärm offenbar. Es trifft wohl auf die meisten von uns zu, was der Philosoph BLAISE PASCAL zu Beginn der Neuzeit formulierte: »Wenn ich mich zuweilen damit beschäftigt habe, die vielgestaltige Unrast der Menschen zu betrachten, die Gefahren und Mühsale, denen sie sich aussetzten: am Hofe, im Kriege, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft böse Unternehmungen entstehen, habe ich entdeckt, dass das ganze unheil der Menschen aus einer einzigen Ursache kommt: nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können.«

Äußerer Lärm, innerer Lärm – sie machen uns nervös und aggressiv, sie besetzen unsere Gedanken und unser Fühlen. Sie bringen uns ganz durcheinander, so dass wir gar nicht mehr zu uns selbst kommen. »Diabolos« heißt der Durcheinanderbringer auf griechisch. Höllenlärm sagen wir, wenn es richtig laut wird. Angst, Krieg und Unterdrückung – das ist die Hölle, das macht höllischen Lärm.

Welcher Gegensatz dazu die Botschaft des Weihnachtsfestes:

»Als tiefes Schweigen das All umfing
Und die Nacht bis zur Mitte gelangt war,
da stieg dein allmächtiges Wort, o Herr,
vom Himmel herab.«
WEISH 18,14f

Gott kommt im Schweigen zur Welt, in der Mitte der Nacht, wenn es ganz still geworden ist – das bekennen wir in der Liturgie des Weihnachtsfestes. Er kommt nicht mit lauten Fanfaren wie die Herrscher dieser Welt. Er verschafft sich nicht Gehör mit Ausrufern und Lautsprechern. Das Wort Gottes ergeht in der Stille.

Bereits der Prophet Elija musste diese Erfahrung machen, als er auf dem Weg zum Horeb in der Wüste Gott begegnete. Gott war weder im Sturm noch im Erdbeben oder im Feuer, in den mächtigen Naturerscheinungen, die wir gleich mit dem Allmächtigen in Beziehung bringen. Der Prophet vernahm die Stimme Gottes vielmehr in einem sanften, leisen Säuseln des Windes.

Die Geburt Jesu in Bethlehem ist ein solches Ereignis. Gott kommt zur Welt ganz leise, unscheinbar, als kleines Kind. Nur wahrnehmbar für die, die nicht Ohren und Kopf voll haben mit Lärm und Unruhe. Die Hirten sind Menschen, die schweigen und in die Stille der Nacht hinaushören können. Sie sind die ersten, die wahrnehmen, wer dort die Erde betreten hat. »Man vermag dem Wort nicht besser als mit Schweigen und Hören zu dienen«, sagt der Mystiker TAULER. Für das Unfassbare ist Schweigen das beredteste Zeugnis.
 
»Stille Nacht – Heilige Nacht«, singen wir. Ob wir selbst stille werden können in diesen tagen? So wie die Hirten, wachend und lauschend. MEISTER ECKHART, ein anderer  Mystiker, betrachtet das Stillewerden als die Grundvoraussetzung dafür, dass Gott in uns zu Wort kommen, dass er in unserer Seele geboren werden kann. Ob es uns gelingt, diese Ruhe zu finden? Keine tote Ruhe, keine Friedhofsruhe, sondern eine Ruhe, die auf das göttliche Wort wartet und sich von ihm ansprechen lässt. Eine »himmlische Ruhe«.


Franz Kamphaus


13.12.07 18:40
 

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