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Lebenszeichen

Grüß Gott!

Grüß Gott!“ Die Verkäuferin im heimatlichen Bremer Bäckerladen blickt mich irritiert bis mitleidig an. Selbstbewusst schaue ich zurück. Vor acht Jahren spielte sich die Szene mit umgekehrten Vorzeichen ab. „Moin Moin“ warf ich lässig in München der Bäckersfrau entgegen. Ihre Augen fragten anklagend, woher ich die Dreistigkeit nehmen würde, so fremdsprachig zu grüßen. Ich teilte das Schicksal mit den vielen „Zuagroastn“ in Bayern.

Inzwischen bekenn ich, ich kann nicht anders: Dieses „Grüß Gott“ ist mir mit den Jahren ans Herz gewachsen. In diesem punkt habe ich mich gern bajuwarisieren lassen. Auch wenn mir das „R“ noch immer nicht so charmant über die Zunge rollen will wie den einheimischen. Auch wenn ich unter meinen norddeutschen Landsleuten als verbaler Verräter gelten sollte. Kann es eine unaufdringlichere Alltagsfrömmigkeit, kann es einen schöneren und sinnvolleren Gruß geben als „Grüß Gott“?

„... wenn ich ihn seh!“: Diese vermeintlich originelle Entgegnung entlockt mir nicht mal mehr ein müdes Lächeln, genauso wenig wie: „... hoffentlich nicht bald“. Denn „Grüß Gott“ – das ist keine Aufforderung, sondern die Kurzform von „Es grüßt Dich Gott“. Noch mehr habe ich gelernt: „Grüßen“ bedeutet ursprünglich auch „segnen“. Mit jeder Begrüßung segnet man sein gegenüber, die Bäckersfrau und den Postbeamten, den Passanten und die Geschäftspartnerin, die Kollegin und den Kontrahenten, die eigenen Kinder wie die Eltern. Jeder Begegnung, sei sie vertraut oder fremd, flüchtig oder intensiv – steht ein Segenswort voran: Gott grüßt Dich, Gott segnet Dich.

Nur beim Abschied, da bleibe ich meinen Wurzeln treu. Da müssen die Bayern ein herbes, als preußisch verschrienes „Tschüss“ ertragen. Bisweilen gebe ich mich der Fantasie hin, das sich dieses Abschiedswort auch im Süden einbürgert. Und überlege, wie ich den Menschen meiner Wahlheimat am schlauesten erklären kann, dass „Tschüss“ in Sachen beiläufiger Frömmigkeit das „Grüß Gott“ gewissermaßen sogar übertrumpft. Ist es doch aus dem französischen Gruß „A Dieu“ entstanden. Was wiederum nichts anderes bedeutet als „Gott befohlen“.

Uwe Birnbaum in Publik-Forum 11, 2007

9.10.07 18:19
 

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