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Lebenszeichen

Gerade in dieser Adventszeit habe ich sehr bewusst versucht, still zu werden und nach innen zu gehen. Dabei hat mich auch der wunderbare Text von Ernesto Cardenal über die Innere Kammer beschäftigt; so habe ich beispielsweise im Gespräch mit meiner Nachbarin versucht, ihr davon zu erzählen; und wie wichtig es sei, den Zugang dazu zu finden – und dass ich sie jeder Gesellschaft vorzöge; dass ich mich darauf freue, Heiligabend allein zu sein. – Aber die Kammer blieb am Heiligen Abend verschlossen – der Heiligabend war verheult, trotz aller inneren Vorbereitung auf das Fest... Was ist da passiert?

Ich glaube, es hat zum Teil sicher auch damit zu tun, dass ich mir nicht mehr klar gemacht habe, WORAUF ich mich eigentlich vorbereite... – denn ich feiere ja nicht die Geburt des Heilandes, unseres Herrn. Andererseits habe ich aber christliche Literatur zur Vorbereitung benutzt – gerne benutzt, und sie hat mir unendlich viel gebracht. Trotzdem gibt es da Differenzen...

Ich glaube, dass ich nicht mehr so isoliert bin, wie ich einmal war, hat auch Nachteile mit sich gebracht...

Ich bin nicht mehr so nah bei mir, sondern werde viel stärker wieder auch durch äußere Vorgaben benutzt – und das ist jetzt das christliche Weihnachtsfest.

Die tiefen Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, habe ich aber jenseits dieses Festes gemacht. Es gab Brücken und Verbindungen – und so habe ich beispielsweise auch immer wieder meine Krippe, bzw. die meiner Großeltern aufgestellt. Sie ist Teil meiner Wurzeln – meiner ganz persönlichen einerseits, und meiner religiösen andererseits.

Aber auch wenn das, was die Kirche feiert, auch meine Wurzeln sind, stehe ich heute doch woanders, bin ich nicht beheimatet in den Glaubensinhalten der Kirche. Wir haben dieselbe Wurzel – aber wir sind verschiedene Wege gegangen, die Kirchenchristen und ich - um es mal so auszudrücken. Es gibt Verbindung, aber es ist nicht das, in dem ich heute lebe.

Da das, was mich hält und trägt, aber keine äußere Struktur hat, ist es leicht passiert, dass ich mich wieder von äußeren Vorgaben vereinnahmen lasse, mich besetzen lasse davon.

Das passt gut zu meinem Ziel für dieses Jahr: mehr Ordnung in mein Leben zu bringen. Vielleicht wächst damit ja so etwas wie eigene Struktur...

Aber noch mal zurück zum verhunzten Heiligabend. Ist/war es vielleicht auch der Wunsch, Schmerz zu vermeiden, der mir im Weg stand? Ist Schmerz vermeiden die Lösung? Oder Schmerz aushalten?

Ich wurde an den Stein in mir erinnert – und daran, dass Heilung für mich auch bedeutet, wieder weich zu werden. Den Stein zu verwandeln /verwandeln zu lassen – und dass Weinen und Schmerz fühlen dann auch ein Stück Heilung sein können.

Ich bin nach Innen gegangen – aber Innen, das bedeutet vielleicht für mich erst mal und immer wieder Schmerz. Und von daher war an diesem verheulten Heiligabend nichts Falsches – es kam mir nur so vor.

Und wie gelingt es mir, meins nicht von Äußerem vernebeln zu lassen? Ganz in die Innerlichkeit, ein Einsiedlerleben führen – bewusst? Oder aber die Innerlichkeit ins äußere Leben tragen – mich dem Schmerz wieder aussetzen?

Verliere ich den Kontakt zu dem Licht, der Kammer, dem Feuer, der großen Energie, wenn ich sie behalten will?

Und finde ich ihn vielleicht wieder, wenn ich mich dem aussetze, was dazu im Widerspruch steht?

Und noch ein anderer Gedanke: Ich bin in den letzten Jahren mit tiefen spirituellen Erfahrungen wirklich verwöhnt worden – so sehr, dass ich eben diesmal zu Weihnachten schon fest damit rechnete. Vielleicht muss ich auch hier so etwas wie Demut lernen... Und vielleicht geht es viel, viel mehr darum, das Erfahrene umzusetzen, glauben zu lernen – als immer neue dieser Erfahrungen zu machen.

Fragen. Erst einmal nur Fragen – die ich in mir bewegen werde. Vielleicht finde ich ja in der nächsten Zeit (Raunächte) noch Hinweise.

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Inzwischen ist mir klar geworden, dass ich mein Weihnachten schon hatte, und wie in den letzten Jahren auch, bereits vor dem 24. ...

Als ich neulich schrieb: das Bild mit der Wolke finde ich sehr hilfreich - es packt in ein Bild, was ich auch die ganze Zeit versuche: wenn ich in den inneren endlosen Monolog mit meiner Mutter verfalle, STOP zu sagen - und ihn nicht weiterzuspinnen. Mich daran zu erinnern, dass ich so den Weg nicht finde - und Loszulassen. Und nur darum zu bitten, mir einen neuen Weg zu zeigen. Und mir zu helfen, dass ich nicht wieder einen Wutausbruch bekomme... , dass ich nicht die ewig alten Vorwürfe mache... - weil so nichts weiter geht dachte ich anschließend: ich hab doch in den letzten Tagen etwas ganz anderes versucht als einfach STOP zu sagen... Aber um das zu näher zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen...

Irgendwann im Dezember war ich nämlich in einem „Why-Not“ Gottesdienst einer freien evangelischen Gemeinde. Ich hab’s ja nicht mit der institutionalisierten Religion – aber ich kenn halt mehrere Leute aus dieser Gemeinde, und nachmittags hatte mir noch einer von ihnen eine Einladung zu diesem speziellen Gottesdienst in den Briefkasten geworfen. Da stand was von Adventsandacht, besinnlich, meditativ, mit vielen , vielen Lichtlein... Und ich dachte mir, gehste einfach mal hin – kannst ja wieder gehen, wenn du dich unwohl fühlst.

Als ich dort ankam, bekam ich am Eingang, wie jeder andere Besucher auch, eine bunte Pappe, mit einem Teelicht drauf. Und auf der Pappe stand etwas geschrieben. Auf meiner stand (denn auf allen stand etwas anderes, wie ich später erfuhr):

Gut hast du es, wenn du deinen Schmerz nicht übergehst, denn du wirst meine heilende Nähe erleben. Matthäus5,4

Jesus, ich öffne dir meine verwundete Seele.

Amen

Irgendwie verrückt – denn ich kann mir keinen passenderen Spruch für mich vorstellen. Und so bewegte mich dieser „Treffer“ sehr...

Gegen Ende der Andacht wurden dann alle Teelichter angezündet – eines am anderen, und der Pastor sagte noch irgendetwas dazu – ich kann mich aber nicht näher an seine Worte erinnern. Nur noch daran, dass er uns als Anregung mit auf den Weg gab, dieses Lichtlein in der Adventszeit immer mal wieder anzuzünden, und die Worte laut zu lesen, das Gebet zu sprechen.

Ich stellte mein Kärtchen – orangenfarben, mit orangenem Teelicht, ein ganz edles, mit goldenem Stern darauf – auf die Ablage an meinem Bett und sah es oft an. Es sah einfach schon wunderschön aus.

Und eines Abends, ein paar Tage vor Weihnachten, machte ich es noch einmal an. Es war dunkel in meinem Zimmer, und nur dieses kleine Licht leuchtete.

Und ich las den Text und versuchte ihn, nachzuvollziehen. Ich suchte den Ort in mir auf, an dem der Schmerz ist – vielmehr ich wollte ihn aufsuchen. Denn es passierte etwas Seltsames: ich konnte ihn nicht finden.

Ich dachte an die Personen, die für mich seit jeher mit Schmerz verbunden sind – nichts. Ich suchte und suchte, doch – ich konnte meinen Schmerz nicht finden.

Da hörte ich auf zu suchen und bleib einfach ganz still sitzen. Und sah in das leuchtende Kerzlein, in dieses warme orange und ließ es ganz tief in mich hinein und nahm einfach nur wahr: da ist kein Schmerz. Weit fühlte sich das an, unendlich weit und warm und wunderschön.

Als ich später einer Genesungsfreundin davon erzählte sagte sie: sie sähe das als einen Vorgeschmack auf die Heilung. Heilung, meinte sie, ist dann, wenn der Schmerz für immer verschwunden ist, du ihn überhaupt nicht mehr findest.

Und als mir dann später der Schmerz wieder zu schaffen machte, besonders am 1. Weihnachtstag (Heiligabend bin ich nicht drauf gekommen...) hab ich einfach versucht, mir dieses Gefühl zurückzuholen, mich zu erinnern und mich darauf zu konzentrieren.

Mir dieses Gefühl zurückzuholen: da ist kein Schmerz.

Um mich nicht vom Schmerz bestimmen zu lassen, sondern von dem, wo ich hingehe: in eine Zukunft ohne Schmerz.

Für mich waren diese Augenblicke von „Ich konnte den Schmerz nicht finden“ nicht nur einfach wunderschöne Momente, sondern auch so etwas wie eine Prophezeiung: einmal wird der Schmerz vorbei sein. Und wenn ich den Blick darauf richte, kann ich aufhören, mich von meiner Vergangenheit bestimmen zu lassen und sie immer neu zu reproduzieren. Sondern nehme ein Stück Zukunft vorweg. Ein Stück Zukunft, dass ich bereits für wenige Momente erleben durfte. Und an dieses Stück Zukunft kann ich mich erinnern, wenn es jetzt zu schwer wird. Um die Gedanken anzuhalten - und so aus der Zukunft heraus zu handeln.

Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir wieder lernen, auch aus der Zukunft zu leben. Das ist uns irgendwie etwas verlorengegangen. Wir sind nicht nur unsere Vergangenheit, wir sind auch unsere Zukunft!

Und all das wiederum bedeutet mir nicht zuletzt Weihnachten. Weihnachten ist für mich wie ein Licht aus einer anderen Welt, das in die meine scheint, und mir zeigt/mich ahnen lässt, was einst sein wird. Mich Wirklichkeit ahnen lässt jenseits der Enge, in der ich lebe. Mich ganz andere Strukturen ahnen lässt als die, die heute mein Leben ausmachen. Weihnachten ist Prophezeiung und Vorwegnahme für einen kurzen Moment. Weihnachten taucht mein Leben in ein neues Licht. Das Licht von Weihnachten.


2.1.07 18:50


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Durch begriffliche Moral
und abstrakte Erkenntnis überhaupt
kann keine echte Tugend
bewirkt werden;
sondern diese muss aus der
intuitiven Erkenntnis entspringen,
welche im fremden Indiviuo
dasselbe Wesen erkennt
wie im eigenen.

Schopenhauer

 

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3.1.07 10:49


Eine Kerze für Saddam Hussein. Ich bin sehr verzweifelt, war es schon an dem Abend, als ich die Meldungen über die noch für den nächsten Tag angekündigte Hinrichtung las. Habe für ein Wunder gebetet. Geträumt habe ich, von einem großen Feld, das von langer Hand für diese Hinrichtung vorbereitet wurde - vom Westen. Und  morgens las ich, dass sie es getan haben.

Ich bin immer wieder neu verzweifelt, dass Menschen immer wieder diesen Weg gehen.
Tötung im Namen des Rechts ist für mich das abscheulichste Vergehen gegen die Menschlichkeit überhaupt. Und dass Saddam Hussein selbst dieses Verbrechen zahllose Male begangen hat, ändert dran nicht. Gar nichts.

Diese Kerze ist für Saddam Hussein - und alle, deren Leben so widerlich beendet wurde.


Als ich heute morgen vor einer Kerze saß und an das Geschehen dachte und weinte, habe ich eines ganz sehnsüchtig in mir wahrgenommen: den tiefen Wunsch, die Hoffnung, dass Saddam Hussein jenseits der Schwelle eine Türe findet, an der er nicht verworfen wird - und die ihm geöffnet bleibt, bis er hindurchgehen kann.

Das ersehne ich mir für uns alle.

 

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Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Offenbarung 21, 1-5a
3.1.07 10:54


Über die Strafe - Gedanken von Tolstoi

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Du sollst anderen mit gutem Beispiel vorangehen und sie dadurch lehren; wenn du aber Böses lehrst, lehrst du nicht, sondern zerstörst.

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Einst haben sündige Menschen angenommen, sie hätten das Recht, andere zu bestrafen - das meiste Unglück, das wir erleben, hat damit begonnen.

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Strafe ist immer grausam und schmerzhaft.

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Den besten Beweis, dass wir unwürdigen, manchmal sogar schädlichen Dingen im Namen der "Wissenschaft" nachgehen, liefert die Tatsache, dass es eine Wissenschaft der Bestrafung gibt (Im Westen gibt es eine Psychologie der Folter; am fortgeschrittensten in den USA - deren Präsident Hinrichtungen als Weg zur Demokratie beklatscht), an sich schon eine der unwissendsten und aggressivsten Handlungen, die der Mensch kennt; sie ist ein Überbleibsel der niedersten Entwicklungsstufe des Menschen, niedriger als diejenige des Kindes oder Wahnsinnigen.

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3.1.07 11:28


 

Der innerste Raum

Ernesto Cardenal

Alle Menschen nennen eine innere Kammer ihr eigen. Im Innern jedes menschlichen Wesens gibt es einen Raum, einen ganz persönlichen Bereich, zu dem nur Gott Zutritt hat. Aber die meisten Menschen ignorieren das Vorhandensein dieses innersten Raumes, und darum ist ihr Herz leer und ohne Liebe. Denn die menschliche Liebe, nicht einmal die allerheftigste, dringt jemals in diesen Bereich vor. Gott ist es, der draußen steht und darauf wartet, eingelassen zu werden. » Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an ... «, heißt es in der Apokalypse.

Alle Menschen hören im innersten ihres Seins diesen Ruf. Es ist die klagende Stimme, die Nietzsche in seinem Herzen zu hören glaubte und die ihn mit Angst und Schmerz erfüllte. Es ist die Stimme im Hohen Lied der Liebe: » Öffne mir, meine Schwester, meine Gattin, meine Taube, meine Unbefleckte. Mein Haupt ist bedeckt vom Tau und meine Haare vom Reif der Nacht.« Aber die Geliebte antwortet von ihrem Lager: »Ich habe meine Tunika schon abgelegt. Wie sollte ich mich noch einmal kleiden? Meine Füße habe ich schon gewaschen, wie sie noch einmal schmutzig machen?«

Die meisten Menschen hören diese schmerzerfüllte Stimme in der Nacht und ein Klopfen an der Tür. Darum ist ihr Herz voller Trauer. Wir suchen das Glück außerhalb unserer selbst, anstatt der Stimme in unserem Innern zu lauschen. Vielleicht wissen wir, dass wir uns nach innen wenden sollten, und tun es nicht, weil wir auch wissen, dass wir vorher durch den Kampf der Lossagung von allen Dingen und sogar der Lossagung von uns selbst hindurch müssten. Gott ruft uns in unserem tiefsten Sein, so tief, dass wir denken könnten, er wäre außerhalb unserer Seele. Er wohnt aber tiefer als unser Gewissen und unsere Träume.

Wir hassen das Alleinsein. Im Zug, im Wartezimmer oder wo wir auch sind, fürchten wir uns vor dem Alleinsein mit uns selbst, ohne ein Buch, ohne eine Zeitschrift, ohne etwas zu sehen, zu tun, oder zu hören. Und währenddessen wartet unser einziger Begleiter, unsere einzige Liebe vor der Tür unseres Herzens.

Der Mensch wurde für die Liebe geschaffen, einzig geschaffen, um seinen Schöpfer zu lieben. Und alle Zeit, die er nicht dieser Liebe widmet, ist vertane und vergeudete Zeit.

Die Liebe ist das einzige Gesetz, dass das Weltall regiert. Sie ist das Gesetz, dass die Sonne und die Sterne bewegt, wie DANTE sagt, weil sie das Gesetz der Kohäsion ist, das alle Dinge zusammenfügt. Die Materie, aus der das Universum gemacht ist, ist Liebe. Jeder Körper im Universum übt eine Schwerkraft auf alle anderen Körper aus. Die Erde zieht alle Dinge an, und diese Dinge ziehen sich untereinander wieder an. Die Erde zieht den Mond an, und die Sonne übt eine Schwerkraft auf die Erde und den Mond und alle Planeten aus. Und alle Sterne ziehen wiederum die Sonne und die Planeten an und die Erde, mit allem, was auf ihr ist. Jedes Partikel der Materie im Universum zieht alle anderen Partikel der Materie an. Sogar von zwei Körpern in einem absoluten Vakuum, ohne irgendeine Verbindung zwischen sich, wissen wir, dass sie sich intensiv anziehen. Liebe heißt Zusammensein. Und die Liebe ist unsere einzige Freude. Jede Seele, die Gott erschafft, erschafft er verliebt in sich. Das war die unendliche Unruhe im Herzen Augustinus’, bis er endlich verstand, für wen sein Herz schlug und wen er liebte.

Gott ist dieses innerste Gefühl der Einsamkeit in uns und das Wissen, dass es einen Gefährten gibt, der uns von Geburt an begleitet.

Und er ist tief innen in unserer Seele. Dort, wo die Träume wohnen, im Dunkel unseres Unterbewusstseins, in den Tiefen der Persönlichkeit, in diesem intimsten Bereich, der sich keinem mitteilt. An den Quellen der Träume, der Mythen und der Liebe: dort ist der Raum, in dem Gott Wohnung nehmen möchte. Wenn dieser Raum leer steht, dann ist der Mensch von Unruhe, Angst und Überdruss bewohnt. Dann helfen ihm weder Geld, noch Besitz, noch alle Schätze der Erde, aus seinem leeren Herzen weht der eisige Wind der Einsamkeit. Und dann kann es geschehen, dass die unterdrückte Seele, so lange der Liebkosung Gottes beraubt, nachts wach wird (vielleicht nach einem Abend voller Vergnügen und Genuss) und erschrocken ist über ihre eigene Leere.

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3.1.07 14:00


    Der Optimist ist ein Mensch,
    der überall grünes Licht sieht,
    während der Pessimist
    nur das rote Stopplicht erblickt.
    Aber der wirklich Weise
    ist farbenblind.

    Albert Schweizer
9.1.07 10:54


Für alle Zahnarztphobiker hier eine Geschichte aus meinem leben ...

 

0.Juli 2000
Oje, hab ich Zahnschmerzen, und die ganze Nacht gehabt. Das Schlimme ist, dass ich mich gerade jetzt ganz nach innen zurückziehe – der Körper ist in Alarmzustand, und ich ziehe mich zurück. Wie soll ich das bloß schaffen?

Zahnschmerzen sind immer etwas Unangenehmes und die meisten Menschen haben, wenn ich den Erzählungen um mich herum Glauben schenken darf, Angst vorm Zahnarzt, – aber für mich bedeuteten Zahnschmerzen eine Katastrophe. Zum einen sowieso, und zum anderen war auch noch Sommer, um genau zu sein, es war Juli. Ich vermute, dass bedarf einiger Erklärungen im Vorfeld, obwohl auch diese nur geringfügig meine damalige Situation erhellen können.

Zum einen sowieso... – wieso?
Nun, wenn einer am Abgrund steht, ist auch ein winziges Steinchen, über das man stolpert, eine Katastrophe. Und wo bereits der Alltag eine kaum zu bewältigende Ausnahmesituation darstellt, erscheint jede zusätzliche Krise als das absolute Ende. Mein Leben war seit vielen Jahren eine einzige Ausnahmesituation und ich lebte in einem permanenten Erschöpfungszustand. Mir selber unbegreiflich waren nach und nach nahezu alle alltäglichen Handlungen und Verrichtungen zu schier unüberwindbaren Problemen geworden. Es gab Zeiten, Monate, in denen selbst der Gang zur Toilette einen Alptraum bedeutete, weil ich dem Boden unter meinen Füßen nicht traute, dass er hielt. Diese Zeiten lagen gottlob lange hinter mir, aber noch immer brauchte ich alle Kraft dafür, mich ganz einfach am Leben zu erhalten: mir Nahrungsmittel zu besorgen, zu kochen, mich und die Wohnung sauber zu halten und an guten Tagen draußen etwas Fahrrad zu fahren und zu versuchen, meine geographischen Grenzen ein klein wenig zu erweitern. Und immer die Angst, es könne etwas Unvorhergesehenes geschehen. Und immer Angst, ich könne krank werden, denn was dann?

Seit der letzten Therapie waren Arztbesuche nicht mehr vorstellbar. In ihnen lag der Keim des Horrors. Arzt, das bedeutete, mich ins Zentrum meiner Angst zu begeben. Alle meine Versuche, dieses Problem gezielt anzugehen, waren bisher gescheitert. Ich kannte jeden einzelnen Zahnarzt in meinem Ortsteil, hatte viele Gespräche geführt, aber keiner war bereit oder fähig gewesen, mir zu helfen die Hürde zu nehmen. Immerhin, mit der letzten Zahnärztin waren einige Schritte möglich gewesen – ich hatte auf dem Stuhl gesessen, und es hatte ein kleines Aufeinandertreffen mit zahnärztlichen Instrumenten gegeben, aber nichts Großes. Ich feilschte mit ihr um jeden Handgriff, den sie machen durfte, und irgendwann verlor sie die Geduld. So viel vorneweg zum Thema „Ärzte“.
Zum anderen war Sommer... – auch das bedarf ein paar erklärender Worte. Sommer, das bedeutete für mich seit meinem Zusammenbruch eine Zeit des völligen Ausgeliefert seins und der ständigen Todesangst: Wie heiß mag es morgen werden? Werde ich mir etwas einkaufen können? Werde ich bewusstlos werden? Werde ich so verwirrt und verstört sein, dass ich Gefahr laufe, eine Kurzschlusshandlung zu begehen? – solche und ähnliche Gedanken, das war für mich „Sommer“. Ach ja, und: Liegt mein Testament so, dass es gefunden wird? Möchte ich darin noch etwas ändern? (z.B. was mit meinen Aufzeichnungen geschehen soll...)

Und nun war es also Juli und der Zahn, der mich schon lange quälte, sagte ganz unmissverständlich, dass die Grenze erreicht sei. Mit anderen Worten: Es wurde eng. Sehr eng.

11.Juli
Segen brauche ich heute...

In meiner Verzweiflung rannte ich die Straße auf und ab, als sei hier eine Lösung zu finden. Ganz verkehrt war das auch nicht, denn so traf ich wenigstens hin wieder jemandem, dem ich mein Elend erzählen konnte, womit die Bedrohung ihr ganz und gar Unbestimmtes verlor – auch wenn mir das nicht bewusst war. So traf ich irgendwann auch auf eine der Nonnen aus dem Nachbarhaus – eine, die die kölsche Maid, die sie gewesen war, nie ganz abgelegt hatte und die ich sehr gerne mochte. Sie verstand den ganzen Aufstand nicht. „Na, dann gehen sie zum Zahnarzt!“ – „Aber das kann ich doch nicht!“ meine verzweifelte Entgegnung. „Papperlapapp.“

Als ich drohte, mich eher vor einen LKW zu schmeißen, als zum Zahnarzt zu gehen – und überhaupt, zu welchem? – gab sie mir die klare Anweisung, jetzt sofort zum Zahnarzt um die Ecke zu gehen. Alle Ausflüchte, mein Schwindel, mein drohender Zusammenbruch galten nichts – und falls ich’s nicht verspräche, ginge sie jetzt eben mit. Soweit kam’s noch! Lieber gab ich notgedrungen das Versprechen, in dem Bewusstsein, ja immer noch flüchten zu können, wenn ich in der Praxis gewesen war. Ging ich also zum Zahnarzt an der Ecke, 50 Meter von meiner Wohnung. Ja, vielleicht war das die Lösung. Natürlich würde ich zusammenbrechen und durchdrehen – aber 50 Meter waren eine Entfernung, die ich vielleicht auch im völligen Blackout noch irgendwie bewältigen würde...
Ich betrat also die Praxis. Der Zahnarzt an der Ecke – das war der, der mir von allen am unsympathischsten war, aber egal, etwas musste passieren. Irgendwann im Laufe dieses Tages hatte er dann auch Zeit für mich. Ich erklärte ihm meine Situation, einschließlich Angstkrankheit – wir hatten nie ausführlich miteinander gesprochen, da ich immer an seine Assistenzärztin verwiesen worden war – und er beschwor Geduld und Zuversicht; sah sich meinen Zahn und die Schwellung an und machte eine Röntgenaufnahme. Ja, der Zahn müsste wohl in nächster Zeit ‘raus. Und ich hätte Glück, denn gerade seit ein paar Tagen habe er eine Sprechstundenhilfe, die vorher bei einem Kollegen in der City gearbeitet habe und daher wisse, dass dieser sich auf Angstkrankheiten im Zahnarztstuhl spezialisiert habe. Ich verzweifelte schon wieder. Der Mann verstand anscheinend überhaupt nichts. Ich war nicht nur angstkrank, wenn es um Zahnärzte ging, sondern sozusagen rundum. Die Fähigkeit, in die City zu fahren, gehörte nicht zu meinem Repertoire; nicht einmal einfach so, bei schönem (= nicht allzu hellem) Wetter und just for fun, geschweige denn zu einem zahnärztlichen Eingriff, der mich so ängstigte, dass er allein schon unvorstellbar schien... und dann noch an einem Ort, der ebenfalls unvorstellbar zu erreichen war, mit einem Rückweg vor der Brust in einer Verfassung, die absehbar im völligen Kontrollverslust enden würde...

Es entspann sich ein ziemlich absurdes Gespräch. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich nicht in die Stadt fahren könne und er schrieb seinen Überweisungsschein für den Kollegen. Ich erklärte wiederum, dass mir das nichts nütze und er erklärte mir den Weg. Ich beteuerte und flehte, er solle etwas unternehmen und mir den Zahn ziehen und er sagte, er würde mich nicht behandeln, dafür gäbe es den Spezialisten in der City. Ich erklärte, dass dieser für mich unerreichbar sei, er sagte, dann nehmen sie ein Taxi. Ich erklärte, dass ich seit vielen Jahren nicht in der Lage sei, ein irgendwie geartetes Verkehrmittel, wozu ich auch ein Taxi zähle, zu benutzen – er sagte, der Mann sei Spezialist...

Absolut verzweifelt, aber auch bebend vor Zorn, verließ ich die Praxis und ging nach Hause. Ich war mit den Nerven am Ende. Ohne weiter nachzudenken wählte ich die Telefonnummer des Spezialisten und bekam eine mehr oder weniger freundlich, sprich: recht gleichgültig klingende Sprechstundenhilfe an den Apparat. Ich erklärte ihr die Situation. Sie sagte, dass sei alles sehr bedauerlich, aber sie habe jetzt keine Zeit, in der Praxis würde gerade renoviert und es sei alles etwas hektisch. Sie hätten auch nur sehr eingeschränkte Sprechzeiten und seien noch etwa eine halbe Stunde da. Ich legte den Hörer auf und weinte...
Eine, eine winzige Möglichkeit nur schoss mir noch durch den Kopf: Es gab da noch eine Praxis im benachbarten Stadtteil, auf dem Weg ins Grüne, am Waldrand liegend. Ich hatte sie nie „getestet“, weil ich dachte, es sei so eine Edelpraxis, in der sich hauptsächlich Leute mit Knete tummelten und willkommen waren und in der ich als Sozialhilfeempfängerin schon überhaupt keine Chance hätte, und außerdem war sie auch ein bisschen zu weit und das bedeutete doppelten Stress: die Entfernung von meiner Wohnung und der beängstigende Ort Zahnarztpraxis. Aber solange ich nicht völlig durchgedreht war, konnte ich ja nur gewinnen, wenn ich ausprobierte, was ging. Ich suchte also die Nummer heraus und rief an. Eine Frauenstimme meldete sich mit dem Namen der Praxis und ich nannte ebenfalls meinen Namen, sagte, ich hätte eine dicke Backe und Schmerzen, aber sie hätten wahrscheinlich auch keinen Bock auf Angstpatienten? „ Aber natürlich! Wir lieben Angstpatienten! Wir haben von morgens bis abends nur Angstpatienten. Kommen sie nur gleich vorbei...“ O mein Gott, die Frau verstand natürlich auch überhaupt nichts, aber – sie war freundlich! Vor lauter Erleichterung schossen mir doch glatt schon wieder die Tränen in die Augen. „Nein“, erklärte ich, „ich meine nicht, dass ich einfach nur Angst vorm Zahnarzt habe, ich habe vor allem Angst, verstehen Sie? Es gibt nichts, wovor ich nicht Angst habe. Allein der Weg zu Ihnen ist etwas, was ich mir kaum zutraue... Aber ich habe solche Schmerzen...“ und fing wieder an zu weinen, fasste mich, entschuldigte mich, ich sei so fertig. Erzählte von dem Spezialisten und meiner Angst und sie hörte zu. Sagte dann, sie sei sich sicher, dass ich in der Praxis ihres Zahnarztes gut aufgehoben wäre, aber den Weg müsste ich schon schaffen. Sie seien noch ca. eine Stunde da. Nur noch eine Stunde! Und ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten vor Angst und Aufregung, und Hunger, denn ich hatte den ganzen Vormittag nichts gegessen, nicht zuletzt auch, weil es weh tat, zu essen...
Aber ein winziger Funke Zuversicht hatte sich bereits in mir eingenistet und ich sagte, „nun, vielleicht geht’s ja, wenn ich ne Kleinigkeit gegessen hab. Ich versuch’s.“ Eine halbe Stunde später machte ich mich auf den Weg, – nachdem ich vorher noch kurz bei meiner Nachbarin reingeschaut und meiner Panik in einem Schwall von Worten ein Ventil verliehen hatte.

II
Es regnete. Natürlich hatte ich in meiner Eile kein Regencape mitgenommen. Bis ich da wäre, würde ich pitschnass sein. Und würde frieren. Und mir eine Erkältung holen, nein, eine Lungenentzündung, ganz sicher. Dann aber würde ich in den nächsten Tagen nicht in der Lage sein, den Zahn behandeln zu lassen, spann ich mir zusammen und merkte, dass ich so nicht weiter kam. – Ich wandte meinen alten Trick an: Nur einen Schritt noch, einen Schritt noch in die richtige Richtung. Einen Häuserblock weiter noch fahren mit meinem Rad. Und dann noch einen, und noch einen, immer noch einen. Nur gut, dass die Strecke an sich eher angenehm war, kein dichter Verkehr, viel Grün. Das allein machte schon einen Unterschied – in die City hätte ich’s nie geschafft. So kam ich schließlich an der Praxis an. Und jetzt? Erst wollte ich sofort wieder umkehren, weil mir so schwindlig war. Dann entschied ich mich, wenigstens kurz reinzugehen und der Sprechstundenhilfe einen Guten Tag zu sagen, damit sie sah, dass ich da gewesen war und es ernst meinte. Als ich reinging, ging ein Mann an mir vorbei – er sah nett aus. Ob das der Arzt war?

Ich ging durch, bis ich an die Anmeldung kam, wo eine junge Frau saß. „Hab ich mit Ihnen vorhin telefoniert? Ich bin die Patientin mit der dicken Backe, die sich nicht behandeln lassen kann. Und ich muss auch gleich wieder gehen, ich kann nicht mehr...“ Ich weiß gar nicht mehr, was dann gesprochen wurde, aber wir sprachen eine Weile und sie sagte, sie habe ihrem Chef schon gesagt, dass gleich eine Patientin käme, zu der er aber gaaanz nett sein müsse und jetzt könne gar nichts mehr schief gehen und ich solle mal versuchen, ob ich nicht doch noch ein bisschen warten könne, dass er sich den Zahn wenigstens schon mal ansähe. Na ja, ich versuchte. Ging erst mal wieder raus und lief die Straße auf und ab. Dann wieder rein und wechselte ein paar Worte mit der netten Sprechstundenhilfe. Ich erfuhr, dass sie selber unter schweren Angststörungen litt und deswegen in Behandlung war. Und deshalb auch alles Verständnis der Welt für mich hatte. Außerdem waren wir derselbe Geburtsjahrgang. Und immer wieder dachte ich: „Jetzt kann ich aber wirklich nicht mehr“ und immer wieder sagte ich mir: „Noch eine Minute.“ Und irgendwann war ich tatsächlich dran.

„So!“ (mit scharfem „S“...) – mit diesem später immer wieder vernommenen Laut kam der Zahnarzt herein, wusch sich die Hände und stellte sich vor. Es war der Mann, den ich auch vorhin schon kurz gesehen hatte. Ein kleiner drahtiger Mann, der irgendwie einen ganz annehmbaren Eindruck machte: sympathisch, intelligent, seriös. Aber Wunder konnte er ganz sicher auch nicht vollbringen und niemals würde ich mir von jetzt auf gleich einen Zahn ziehen lassen! Er sah sich die Röntgenaufnahme an, die ich mitgebracht hatte und warf einen kurzen Blick in meinen Mund. „Der Zahn muss raus. Am besten jetzt gleich.“ „Auf keinen Fall. Nein, heute kann ich auf gar keinen Fall mehr.“ „Dann morgen. Länger können Sie nicht mehr warten.“ – Und weg war er schon wieder... Ich ging wie betäubt hinaus. Morgen. Wie sollte ich das schaffen? Wie sollte der Mann es schaffen, mir meine Angst zu nehmen? Er hatte ja kaum Zeit für mich gehabt. Aber die Sprechstundenhilfe sprach mir erneut Mut zu. Das ergäbe sich alles morgen. Ich solle nicht darüber nachdenken, wie es gelingen könne, es würde gelingen. Und sie wäre ja auch da. Ich sagte, eine meiner größten Sorgen wäre aber auch das Nach- Hause kommen; wie solle ich nach Hause kommen, wenn ich’n Black out hätte? Nein, ich könne kein Taxi fahren. „Dann fahre ich Sie eben.“ – Von so viel Freundlichkeit völlig geplättet, brach mein Angstwall erst einmal zusammen und ich fuhr tatsächlich halbwegs zuversichtlich nach Hause.

Nachdem ich mich ein wenig ausgeruht hatte, rief ich die Tochter einer Freundin an, eine coole Achtzehnjährige, mit der ich mich recht gut verstand (meine Freundin selbst war in Urlaub) und fragte sie, ob sie mich begleiten würde – nur so, damit ich ein bekanntes Gesicht bei mir hätte. Sie sagte zu. Dann erstattete ich meiner Nachbarin Bericht. Und, oh Wunder, sie fragte: „Soll ich mitkommen?“ Ich hätte mich nie getraut, sie zu fragen, die Frau wurde immerhin siebzig, aber wenn ein Mensch auf mich beruhigenden Einfluss hat, dann sie.

11.Juli 2000
abends: Was von außen an Hilfe möglich ist, ist da. Danke! Die Sprechstundenhilfe, B., meine Nachbarin! Jetzt muss ich „nur“ morgen die Kraft haben...

Es wurde eine unruhige Nacht. Meine Gaumen schwoll immer weiter an und der Schmerz wurde nahezu unerträglich. Ich überlegte, ob ich ihn nicht einschneiden sollte, damit der Eiter abfließen könne, aber ich traute mich nicht. Schließlich rief ich den Notdienst an, um den zu fragen, was ich tun könne, um die Zeit bis morgen zu überbrücken. Der Mann war ausgesprochen unfreundlich. Ich müsse kommen. Nein, ich wolle nicht kommen, ich hätte morgen einen Termin beim Zahnarzt, ich wolle nur wissen, was ich jetzt tun könne; ob mir etwas passieren könne; eigentlich wollte ich vor allem ein paar beruhigende Worte hören. Weit gefehlt. Wieso mir mein Arzt denn kein Antibiotikum gegeben hätte – das hätte er tun müssen. Und ansonsten, er würde jetzt das Gespräch beenden, ich hätte noch eine halbe Stunde Zeit, mir zu überlegen, ob ich kommen wolle... Die beruhigenden Worte bekam ich schließlich von meiner Nachbarin, die ich mir dann herausnahm, zu nachtschlafender Zeit, mit tausend Entschuldigungen, noch anzurufen. Ich nahm eine halbe Aspirin, das Maximum, was ich mir an Tabletten zumute, und versuchte zu schlafen. Wieder und wieder rief ich mir das Gefühl der Zuversicht zurück ins Gedächtnis, das ich gehabt hatte, als ich von der Praxis zurückgefahren war. Er wird dir helfen. Es wird gehen, irgendwie wird es gehen. Hab Vertrauen! Und irgendwann schlief ich tatsächlich ein.

12.Juli 2000
Hab irgendwann dann doch gut geschlafen, das Wetter ist wunderbar, und ich bin, von meiner Angst abgesehen, ganz gut zurecht.


War den ganzen Morgen wie betäubt vor Angst. Was mir Mut machte und mich auf ein Gelingen hoffen ließ, war der klare Kopf beim Erwachen. Zum Glück war heute der Tag, an dem der fahrende Gemüsehändler kam – denn die nächsten Tage würde ich voraussichtlich – wie immer es heute lief – nicht in der Lage sein, einzukaufen. Und selbst der Gang hinunter auf die Straße war heute angstgepeinigt, wie in meinem schlimmsten Zeiten, nahe der Grenze: Ich kann nicht... Hier traf ich auch den Mann meiner Nachbarin und vergewisserte mich, das „unser“ Termin nicht vergessen war. Um halb zwei, also 13.30h, sollte ich in der Praxis anrufen und fragen, wie’s aussähe. Ich zwang mich, trotz meiner heftigen Schwindelgefühle, auch noch einen Weg in die Fußgängerzone zu machen und mir jede Menge Joghurt und Süppchen einzukaufen – ein Mittagessen würde ich heute kaum herunterkriegen, einmal vor Angst nicht, aber auch vor Schmerz: Joghurt mit gequetschter Banane war das einzige, was noch ging, und auch das eine Tortur...– und meine Freundin aus dem Blumenladen zu bitten, für mich zu beten, dass es, wie auch immer, gehen würde. Wie, das konnte ich mir nicht vorstellen.

Als ich noch in Kontakt mit der vorigen Zahnärztin stand, hatte ich immer wieder versucht, mir wenigstens in meiner Phantasie vorzustellen, wie mir ein Zahn gezogen würde. Es war mir nicht möglich gewesen, es ging einfach nicht. Selbst in meiner Vorstellung brach an dem Punkt „Ziehen“ (Spritze bekam ich manchmal noch hin...) alles ab und ich fiel ins Bodenlose, ins Nichts, geriet in namenlose Panik. Heute versuchte ich gar nicht weiter, mir irgendetwas vorzustellen, sondern sagte mir immer wieder: Ich muss es mir nicht vorstellen können. Ich tue einfach nur immer den nächsten Schritt und sehe, was dann passiert. Ich gehe immer nur so weit, wie ich es kann.

Irgendwann war ich dann doch nur noch ein Bündel Angst und rief, lange vor der Zeit, in der Praxis an – ich wollte nur die Stimme der netten Helferin hören, hoffte, dass sie mir Mut machte. Aber ich prallte ab – sie war heute lange nicht so nett wie gestern und speiste mich mit Sprüchen ab. Ich fiel, und gleichzeitig fühlte ich Boden – den Boden meines trotzigen Ich, das dachte: Wie immer... aber das haut mich jetzt auch nicht mehr um! Nicht Angst beherrschte mich jetzt, sondern Bitterkeit und Enttäuschung. Und etwas besseres hätte mir kaum passieren können. Als ich mich zur verabredeten Zeit unten an der Haustüre mit meiner Nachbarin traf, hatte ich für den heftigen Regen, der in eben diesem Moment einsetzte, nur noch ein grimmiges „das war ja sowieso klar...“ übrig.

Den Weg über füllt eine geistreiche Unterhaltung der Form: „Ich hau sowieso wieder ab“ – „Von wegen! Dann schleif ich Sie zurück“ – „Wenn mich jemand zwingt, wird’s nur noch schlimmer!“ – aus. Wieder bin ich erleichtert, dass die Praxis so gut über Schleichwege durch kleine Siedlungen und dann durchs Grüne zu erreichen ist. So ist wenigstens der Weg an sich kein Stress. Von weitem sehe ich schon B. uns auf der Straße entgegengehen; sie war mit dem Bus gefahren (ich hatte beiden Begleiterinnen übrigens vorher noch einmal ausdrücklich gesagt, dass jede von ihnen wichtig sei – damit keine dachte, sie sei jetzt aber doch überflüssig), schwenkt in der Hand aber fröhlich ihre Inlineskater – damit wolle sie mit uns zurück fahren.

Zusammen gehen wir in die Praxis. „Meine“ nette Sprechstundenhilfe hastet an uns vorbei, ruft mir etwas zu – irgendwie scheint sie mir völlig überdreht. Nun ja, setzen wir uns erst mal ins Wartezimmer. Ich frage mich, warum ich schon kommen sollte, denn es ist recht voll. Gequält unterhalte ich mich ein wenig mit meinen Begleiterinnen, dann flüchte ich nach draußen in das angrenzende Waldstück. Ich gehe ein ganzes Stück hinein, so viele Patienten, wie da noch waren, muss ich ja noch massig Zeit haben. Als ich zurückkomme, steht B. an der Straße; sie wollte nur schauen, wo ich stecke... Später erfahre ich, dass man sich doch Sorgen gemacht hatte, ich sei stiften gegangen. Aber dafür ist der Schmerz zu heftig und ich bin fest entschlossen, alles zu versuchen, was ich schaffe, solange ich nicht die Kontrolle verliere und die Angst sie übernimmt.

 

Im Wartezimmer sitzt jetzt noch ein Patient, ein sympathisch aussehender junger Mann. Auch er hat ganz offensichtlich Angst und ich beginne ein wenig mit ihm zu plaudern, um mich abzulenken. Ich beneide ihn, als er aufgerufen wird – er hat das „davor“ jetzt hinter sich, und er geht mit meinen guten Wünschen... Aber auch ich werde wenig später von der Sprechstundenhilfe geholt und gehe mit ihr in ein leeres Sprechzimmer. Langsam schwappt die Panik hoch und ich fühle nur noch Angst. Was soll das Ganze eigentlich, denke ich. Ich hab doch überhaupt keine Chance, das über die Bühne zu kriegen. Ich werde anfangen zu schreien oder in die Hose machen oder ohnmächtig werden oder... Die Sprechstundenhilfe versucht mich aufzumuntern. „Wir sitzen im selben Boot“, sagt sie. Ich kann das nicht glauben. „Aber Sie arbeiten; Sie kommen jeden Tag hierher und arbeiten, das kann ich nicht.“ – „Na und, alles Show, alles Maskerade. Wenn ich nach Hause komm, sitz ich nur noch auf dem Sofa und heul, bis ich schlafen geh.“ „Aber ich könnte nicht einmal diese Maskerade betreiben, ich kann überhaupt nichts mehr“ „Glauben Sie mir, wir sitzen im selben Boot.“

– „Da sind Sie ja schon wieder“ – kommt der Arzt herein und gibt mir die Hand. Ich antworte mit einem Wortschwall. Was alles passieren kann und das es ganz sicher so endet, dass er die weißen Männer ruft, und was er alles auf überhaupt keinen Fall tun darf. Er würde sich gerne den Zahn noch einmal ansehen. Mich auf den Stuhl setzen? – o nein, ich weiß, dann habe ich verloren. Außerdem muss ich erst noch einiges mit ihm klären. Zum Beispiel hatte er, wie mir später wieder eingefallen war, bei unserer gestrigen Begegnung etwas zu meiner Angst gesagt, worin ich mich ziemlich veräppelt gefühlt hatte, hinterher. Und wenn meine Backe noch so dick ist und ich noch so panisch – ich bin kein dummer August! Kampflustig erkläre ich meinen Standpunkt. Er winkt ab. Das könne ja durchaus sein, dass er die Situation nicht richtig erfasst hätte, „aber das ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig. Es geht doch jetzt um ihren Zahn und darum, dass wir etwas tun müssen“. Seine Stimme klingt warm und freundlich. Meine Aggression weicht und macht wieder der vertrauten Panik Platz. .Ein neuer Wortschwall und wieder bittet er mich, als ich erschöpft schweige, doch mal gucken zu dürfen. Ich merke, dass ich keine Kraft mehr habe und sage: „Aber Sie dürfen nichts tun, ohne es mich vorher zu fragen!“ – „Hören Sie, das geht doch nicht, das müssen Sie einsehen. Oder soll ich Sie jedes Mal fragen, ob ich das Licht an- oder ausknipsen darf?“ Er grinst mich an und das Wunder geschieht: Ich begehre nicht wütend auf, sondern grinse zurück und setze mich auf den Behandlungsstuhl. „Aber eines noch“, sage ich, bevor ich den Mund aufmache: „Ich erlaube Ihnen nur, mir die Spritze zu geben, weiter kann ich jetzt nicht denken. Nur eine Angstbarriere auf einmal. Ob Sie den Zahn dann ziehen dürfen, entscheide ich nachher.“ Er sagt nichts dazu und grinst noch immer und ich mache endlich den Mund auf.

„Oh!“, sagt er. So einen vereiterten Zahn habe er aber lange nicht gesehen. Ich hätte die schmerzhafteste Sorte Zahnentzündung, die es gäbe. Normalerweise ginge der Eiter in die Backe, und dort sei Platz. Bei mir sei er aber in den Gaumen gegangen und dort schäle jetzt der Eiter langsam die Haut vom Knochen. Und das sei eben sehr schmerzhaft. Ich bin ganz stolz, dass ich trotzdem nur eine halbe Aspirin (oder insgesamt doch zweimal eine halbe?) genommen habe. „Aspirin“ stöhnt er. Ausgerechnet. Aspirin sei blutverdünnend . Aber es war doch nur so wenig. Egal, das reiche schon. Außerdem hätte ich meine Tage – das hatte ich irgendwann in meinem Wortschwall erwähnt – das würde ebenfalls blutverdünnend wirken... und wäre gerade beim Zähneziehen nicht so gut, weil’s dann mehr und länger bluten würde und man die Blutung eventuell nur schwer stoppen könne. Ich werde ganz mutlos. Ob wir dann jetzt überhaupt ziehen können? Vielleicht sei es wirklich besser, erst noch ein paar Tage ein Antibiotikum zu nehmen und dann zu ziehen, überlegt er, wo’s mir doch auch wegen meiner Menstruation so schlecht ginge... – Damit hab ich nicht gerechnet und ich merke, dass ich jetzt nicht mehr zurück will – nicht noch länger diese Angst und diese Schmerzen ertragen, nein, das will ich nicht. Da schwenkt er auch wieder um und sagt, es wäre gut, dass ich’s erwähnt hätte, denn wenn er das alles wisse, könne er ein entsprechendes Serum spritzen, das dem entgegen wirke. „Bestimmt?“, frage ich unsicher nach. „Keine Sorge“, sagt er. Es gäbe für alles ein entsprechendes Serum. Dann erzähle ich noch von meiner nächtlichen Notarztepisode. Und was der Mann gesagt hat. Dass er mir hätte Penicillin geben müssen. Er wird ärgerlich. Wer das gewesen sei? So ein Blödsinn. Mich derartig zu verunsichern! Ich merke, dass er mein vollstes Vertrauen hat, was diese Geschichte angeht – zumal ich Penicillin hasse... Als ich ihm sage, dass ich versucht gewesen sei, mir den Gaumen aufzuschneiden, beglückwünscht er mich dazu, eben dieses unterlassen zu haben, ich wäre vermutlich verblutet. Denn gerade durch den Gaumen liefe eine Aorta, eine der Hauptadern... Mir wird noch im Nachhinein ganz flau, denn ich war wirklich kurz davor gewesen. Und werd gleich nochmal wütend auf den Notarzt, der mich so in meiner Panik alleingelassen hat. Das hätte der mir zum Beispiel auch sagen können.

Wir unterhalten uns noch etwas über die Injektion. Ich erkläre ihm, dass ich nicht den Einstich fürchte, sondern die Wirkung des Medikamentes. Erkläre ihm, dass in der Arztsituation viele unbewältigte Gefühle angesprochen würden und hochkämen, ja mich überwältigten, weshalb ich auch solche Angst hätte, die Kontrolle zu verlieren. Und der Gipfel der Angst sei eben, dass man mir etwas einflöße und mich betäube, mich sozusagen wehrlos und kampfunfähig mache. Er fragt nach. Ausgerechnet in dieser Situation, wenn ich da läge, wären die alten Dinge angesprochen? – „Ja“, sage ich.
Aber dann müsse ich, wenn ich so nicht drüber käme, eben den Verstand einsetzen (ein Spruch, der mich normalerweise auf hundertachtzig bringt!) Ob ich wisse, dass die Spritze nur rein örtlich betäube? Im Prinzip schon, das wisse ich, „aber sie wirkt doch auch auf den Kreislauf.“ – „Nun, je nachdem.“ Zum einen gäbe es Mittel, die kaum auf den Kreislauf wirkten, die man zum Beispiel bei herzkranken Patienten nähme, zum anderen aber könne in meinem Fall ganz sicher keine Wirkung auf den Kreislauf erfolgen, weil an den oberen Zähnen keine verteilenden Blutgefäße entlang liefen. Das wusste ich allerdings noch nicht und stellte fest, dass mich das wirklich beruhigte und überzeugte. Das einzige, was jetzt auf meinen Kreislauf einwirken könne, sei meine Angst. Meine Angst, – meine Angst, die kannte ich ja. Ich merkte, dass ein großer Teil der Panik, die Angst vor dem, was man mir einflößen und was von innen her Besitz von mir ergreifen könnte, von mir wich. Erleichtert fragte ich „Warum hat mir das bloß noch kein Zahnarzt gesagt?“

So, er würde jetzt mal ganz vorsichtig etwas spritzen. „Aber nur ganz wenig!“ sage ich. Unterschwellig nehme ich wahr, wie die Helferin meine verkrampfte Hand in ihre Hände nimmt und streichelt. Er nähert sich mit der Spritze, die allerdings gar nicht so aussieht wie die Zahnarztspritzen, die ich kenne, meinem Gesicht, ich schaue angespannt an die Decke und warte auf den großen Moment. Da lehnt er sich schon wieder zurück. Was denn, denke ich, wieso denn jetzt doch nicht? Oder ist das eines der Spielchen, wo der Patient sagen muss: nun spritzen sie doch endlich – und er dann lässig sagt: schon geschehn? Aber ich habe wirklich rein gar nichts gefühlt. Also sag ich vorsichtig: „Haben Sie denn jetzt schon gespritzt?“ Er nickt. Ich kann’s nicht glauben und muss meinem Jubel Ausdruck verleihen – so bin ich nun mal... „Aber ich hab’ überhaupt nichts gespürt!“ – sag ich nun also doch den klassischen Satz. „Sie können das ja wirklich total gut!“ – Eigentlich wollt’ ich sagen: Sie spritzen wie ein junger Gott, – aber ich habe zu viele psychoanalytische Bücher gelesen, um bei diesem Satz nicht sofort die Bemerkung „phallische Symbolik“ mitzudenken und verkneif mir die Formulierung. Aber eigentlich... ich bin hin und weg. Als er erneut zum Spritzen ansetzen will, frag ich, ob ich mir nicht die Spritze näher ansehen könne, aber er grinst nur und meint, später, wenn wir fertig seien, könnte ich sie mir gerne genauer ansehen, aber jetzt nicht. „Schade“, sag ich, „ich hab gedacht, ich könnt’ noch’n bisschen Zeit schinden...“

Dann machen wir abwechselnd Päus’chen, und dann spritzt er mal wieder, und zwischendurch plaudern wir über Gott und die Welt. Ich frag ihn, woher er kommt, weil ich seinen Akzent nicht einordnen kann und er erzählt, er sei in Chemnitz geboren, sei aber Deutscher. Das scheint ihm sehr wichtig zu sein, woraufhin ich etwas missbilligend gucke, was ihn wiederum zu einer Bemerkung veranlasst, das gefalle mir wohl nicht. Aber irgendwie wurd’ sofort weiter geschwatzt, so dass kein unangenehmes Schweigen aufkommen konnte. Ich erzählte sogar – wie konnt’ ich nur! – dass ich in diese Praxis hier nie gekommen sei, obwohl ich sie oft gesehen hätte beim Vorbeifahren, weil ich sie für so’ne Neureichenpraxis gehalten hätte. Weiß gar nicht mehr, was er dazu gesagt hat.

Mit einem Mal wurde mir aber klar, dass wir uns unversehens der zweiten Hürde näherten, dem Ziehen, und schon wurde mir wieder schlagartig heiß und kalt, und zu eng und schwindelig, ... und ich sprang aus dem Stuhl. „Ich brauch ‘ne Pause, mir ist ganz schlecht“ – sag ich und geh zum Fenster – Blick in einen kleinen Garten, ein Walnussbaum, wie ich heute weiß, steht hier auch... Ich setz mich auf die Fensterbank. Nach einer Weile zeigt die Sprechstundenhilfe energisch auf den Stuhl, deutet mir, ich solle mich wieder auf diesen setzen. Ich schüttle den Kopf. Er hat das Ganze verfolgt, seufzt, und greift mit den Worten „Dann les ich eben noch ein wenig in ihrer Karteikarte...“ nach eben dieser. „Haben Sie eigentlich öfter Leute hier, die so viel Angst haben? So schlimm, mein ich?“ „Nein, so schlimm eher selten“, sagt er ehrlich. Ich weiß gar nicht was ich tun soll. Meine Angst wächst auf einmal ins Unermessliche. Ich will weg. Gleichzeitig schäme ich mich. Was mach ich nur???!!!

„Wissen Sie, das Problem ist“ – hör ich auf einmal wieder seine Stimme, sachlich und ruhig – „wenn wir so lange Pause machen, verliert sich die Wirkung immer wieder. Es ist sowieso sehr schwierig die Stelle überhaupt zu betäuben, weil das Gewebe so entzündet ist, und mit den Pausen können wir bis morgen früh weitermachen und nichts passiert.“ Irgendwie schafft er es, das wirklich rein sachlich und ohne Vorwurf zu sagen und ich – Wunder Nummer zwei – stehe seufzend wieder auf von meinem sicheren Platz und komme zurück zum Behandlungsstuhl. Er spritzt wieder ein bisschen – das kenne ich ja nun schon, aber meine Nervosität wächst. Auf einmal kippt alles um in mir. „Ich habe Angst“ – höre ich mich auf einmal von ganz weit her wimmern – der befürchtete Moment ist da, ich habe keine Kontrolle mehr und tauche ein in namenloses Grauen... Da höre ich von ebenso weit her ich seine Stimme, sachlich und ruhig, „nur ein kleiner Moment noch, hier ist ein Splitter, den möcht’’ ich eben beiseite schaffen“ – „und jetzt würde ich gerne noch testen, ob auch alles schön taub ist...“ An die weiteren Worte erinner’ ich mich nicht mehr, erinner nur, wie es mich beruhigte, diese Stimme nach meinem Angstschrei in mir zu hören und wie mein Entsetzen und die aufkommende Ohnmacht langsam wieder zurückwichen. (Britta sagte später, er habe ununterbrochen geredet – daran erinnere ich mich gar nicht – fast so, als habe er mich mit seinen Worten in Hypnose geredet. Noch Wochen später sprach ich übrigens in seinem Akzent, was mir vor allem in seinem Beisein ausgesprochen unangenehm war; er hat aber nie etwas dazu gesagt.) Aber ich fand, ich hatte jetzt wieder eine Pause verdient und als er sich das nächste Mal wieder mit seinem Instrument von meinem Mund entfernte, stieß ich hervor: „Pause!“

„Pause? Sie können nach Hause gehen, wir sind fertig.“ – Pause – Oh, er hat seinen Triumph wirklich in vollen Zügen genießen können... – Ungläubig starre ich ihn an, bis sich ein Jubellaut nach außen drängt (den auch meine wartenden Begleiterinnen draußen erleichtert vernehmen, wie sie mir später erzählten) – ich will ihm um den Hals fallen, aber er ist schon aufgesprungen und ist nicht in meiner Reichweite, also muss die Helferin dran glauben. Oh, was bin ich glücklich! „Zum ersten Mal in meinem Leben möcht ich meinen Zahnarzt küssen!“ rufe ich. „Wünschen Sie sich etwas. Welchen Wein trinken Sie gerne? Womit kann ich Ihnen eine Freude machen?“ – „Damit, dass Sie jetzt immer schön brav zur Behandlung kommen“, sagt er (der Satz hätte von meinem Vater sein können). Benommen, aber überglücklich stehe ich auf. Ich kann mein Glück überhaupt nicht fassen, platze fast.Und ich kann nicht anders, ich muss ihn einfach berühren und streichle vorsichtig seinen Arm; eine unglaubliche Zärtlichkeit steigt in mir auf. Er guckt etwas verdutzt, aber nur einen kurzen Moment, dann erwidert er die Geste und streichelt meinen Arm ebenfalls. Gemeinsam verlassen wir den Raum und gehen ins Wartezimmer zu den anderen. Er kommt tatsächlich mit; ich frage ihn noch, ob ich denn noch’n Moment sitzen dürfe, bevor ich fahre – selbstverständlich darf ich –,dann verabschiedet er sich selbst von meinen Begleiterinnen mit Handschlag und zieht sich zurück. All zu lange können wir aber nicht mehr sitzen, denn die zwei Helferinnen wollen gehen und abschließen. Ich hab’ ein bisschen Angst vor der Rückfahrt, denn inzwischen ist mir doch sehr flau – war halt alles sehr viel. Aber das Angebot von der Helferin, mich zu fahren, werde ich wohl nicht in Anspruch nehmen – oder doch? Aber sie ist weg, bevor ich sie fragen kann und ich bin ein bisschen pikiert. Zumindest fragen hätte sie können, finde ich. Dann schimpfe ich mit mir, weil ich dem jetzt nachhänge und wir machen uns auf den Weg.

Eigentlich müsste ich jetzt noch erzählen wie B. direkt auf den ersten 100 Metern mit ihren Inlineskatern einen Unfall baute; wie ich sie liegen sah und dachte: „Nein. Nein, das ist jetzt zu viel“, bevor ich mein Rad wendete und zu ihr zurückfuhr; wie zwei Frauen helfend eingriffen und sie nach Hause brachten und ich doch noch kurz das Bewusstsein verlor, aber soll jetzt nur erwähnt sein – so wie es auch damals im Grunde am Rande meines Bewusstseins geschah.
Die Rückfahrt war also sehr anstrengend... und insofern schon ein Wermutstropfen. Ich fand mich selbst kleinlich; besser wurde es erst, als ich es später meiner Nachbarin erzählte; dass ich mehr Zeit „danach“ gebraucht hätte – vielleicht wäre dann auch der Unfall nicht passiert – und der Rückweg einen ziemlichen Bruch zum Geschehen davor für mich darstellte. Aber irgendwann war auch dieser Wermutstropfen vergessen und alle Beteiligten waren Helden, allen voran „mein“ Zahnarzt.

Vor allem aber machte es Spaß, die Version der Wartenden zu hören. Dass sie die ganze Zeit Sorge hatte, dass ich doch noch ausbüxe. Dass die Helferinnen sie die ganze Zeit auf dem laufenden gehalten hatte, vor allem darüber, wie sie mich ausgetrickst hatten. Denn sie hatten, damit ich nicht merke, dass die Spritzerei zu Ende war und es ans Ziehen ging, dem Arzt heimlich in der Hand die Spritze gegen die Zange ausgetauscht, so dass ich es gar nicht gemerkt hatte. Und in der kurzen Zeit, als er mich mit Bemerkungen hinhielt, hatte er den Zahn gezogen, drei Wurzeln ausgegraben und die Wunde saubergemacht... Ich geben zu, dass ich gegen Ende schon etwas argwöhnisch geworden war und mir klar war, dass er mit dem Ziehen schon begonnen hatte, aber wie er das alles erledigt hatte in der Zeit, war mir unerklärlich. Vor allem, weil das befürchtete Krachen ausgeblieben war, und das Ruckeln und Lockern. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat. Technisch muss er ein Genie sein. Und psychologisch auch... – B hatte ihren Unfall übrigens unbeschadet überstanden, vergewisserte ich mich wenig später telefonisch, schon im Bett liegend. Den Rest des Tages verschlief ich, ebenso wie den nächsten. Es reichte gerade noch für folgende Tagebucheintragung:


Wie schenkt man „dem lieben Gott“ ‘n Blumenstrauß?
...der Zahn ist raus!!!
Frau G. sagt, indem ich einfach mal glücklich bin!

P.S.: : Es stellte ich heraus, dass mein Zahnarztheld alles andere als wirklich seriös war und das ganze wurde eine lange Lektion in Punkto Abhängigkeit.
P.S.2: Als ich vorgestern zur jährlichen Kontrolle war, wollte die aktuelle Helferin nicht glauben, dass ich mal Angstpatientin war... "Aber sie sind doch total relaxed..." meinte sie. Yep. zwinkern


23.1.07 09:17


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