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Lebenszeichen

 

Alltagsheldin

Als ich heute im Supermarkt war, wurde ich Zeugin einer unangenehmen Szene. Die grobe Stimme eines Mannes durchbrach heftig das Stimmengewirr um mich herum – sehr laut und sehr heftig schrie er, jetzt sei es genug! Eine furchteinflössende Tonlage, mich an Gewalt erinnernd. Suchend mache ich den Mann aus, und dass sein Toben sich an eine Frau richtet, mit der er offenbar gemeinsam einkauft. Beide schon älter, vielleicht um die siebzig.

Stille auf einmal, auch andere Augen suchen und richten sich auf das Paar.
Die Frau schickt ein versöhnliches Lächeln an die Umstehenden, atmet tief durch und sieht nach vorne. Ich betrachte sie mitleidig.

Der Mann fängt an, die Sachen aus dem Wagen aufs Band zu legen, seine Frau steht und versucht, so scheint es mir, einfach nur gerade zu stehen.
Da poltert er erneut los. „Meinst du die Sachen legen sich von alleine aufs Band? Steht da einfach dumm rum...“ Sie geht zu ihm und hilft ihm, die Sachen aufs Band zu legen
Mir fängt die Szene an, sehr nahe zu gehen. Was muss das für ein Leben sein neben diesem Mann...

Als die Sachen auf dem Band liegen, geht sie wieder zurück, an den Kopf des Wagens, und auf diesem Stück Weg treffen sich unsere Augen noch einmal. Sie lächelt und zwinkert mir zu – und ich sehe, dass ihre Augen und ihr Gesicht voller Wärme sind. Dann wendet sie sich ab und sieht zur Seite. Einen Moment denke ich, sie kämpft mit den Tränen, aber ich bin mir nicht sicher.

Dann sehe ich, wie sie mit auf einmal sehr kindlichen Augen die Regale mit Weihnachtssüßigkeiten, die an der Kasse aufgebaut sind, betrachtet und noch etwas herausgreift und auf das Band legt. „Du hast doch schon! Es reicht jetzt“ und weiter poltert der Mann...
Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen und ein Schluchzen in meiner Kehle wartet, das ich es freilasse... Aber auch ich bewahre Fassung.
Ich sehe, wie sie sich nicht weiter beeindrucken lässt und die ausgesuchte Ware bleibt im Wagen. In mir der Wunsch, sie einfach zu umarmen... wenigstens zu berühren. Als ich bezahle und in ihre Richtung gehe, stehen die zwei so, dass ich sie nicht berühren kann, ohne dass der Mann es merkt – (und ich weiß, dass sie später dafür bezahlen müsste...) – aber genau, als ich auf ihrer Höhe bin, wechseln sie die Stellung und ich kann ihr unbemerkt die Hand auf die Schulter legen und sie streicheln. Wir sehen uns an und Wärme fließt von einem zum anderen. Wir zwinkern uns noch einmal zu, und dann gehe ich.
Draußen und auch später immer wieder in Gedanken bei dieser Frau und ihrem Leben.

Eine Hoffnungsgeschichte? Ist das nicht vielmehr eine Elendsgeschichte?

Ich will euch sagen, warum es mir trotz allem eine Hoffnungsgeschichte ist.
Diese eine Szene vermittelt uns eine Ahnung von dem Leben dieser Frau. Von vielen Szenen, die sie erlebt hat, von einer Grundstimmung. Einer düsteren Grundstimmung.
Und doch war ihr Gesicht voller Wärme! Und doch hatte sie sich etwas ganz Kindliches bewahrt. Und ihr Gesicht war frei von Angst!!!
Nein, das Leben, dass sie gelebt hat, so schwer es gewesen sein mag, hat sie nicht gebrochen, nicht zerstört. Und das macht mir Hoffnung und macht mich froh.

Ich sehe andere Gesichter.. Gesichter von Menschen, die weniger Leid tragen mussten... Gesichter, denen fehlt, was diese Frau sich bewahrt hat.

Und meine kleine Geste sollte der Frau vor allem eines sagen: ich sehe dich. Ich sehe deine Tapferkeit, sehe, wie wundervoll du bist. – Vielleicht braucht sie das gar nicht – das Gesehen Werden. Aber ich habe es gebraucht, ihr das zu zeigen.

 
 
9.12.06 17:11


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