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Lebenszeichen

Verzeihen - Besinnung am Buß- und Bettag

Und wieder war heute das Thema „Verzeihen“ dran
Erst gestern noch ein Satz im Jahreslesebuch, der mir auch noch einmal bedeutete, dass ich verzeihen nur kann, wenn ich den Blick auf die HM richte:


„Alles, sogar das Komplizierteste, wird einfach und klar, wenn man es von den andern Menschen löst und Gott zur Beurteilung vorlegt. (Tolstoi)

Den Blick von dem anderen lösen und ihn auf die HM richten: das bedeutet LOSZULASSEN. Ich muss den Täter erst mal loslassen, um ihm verzeihen zu können!

Und dann war das Thema heute ganz intensiv dran in dem Büchlein, dass ich gerade durcharbeite, und auf das ich mich heute dadurch, dass Buß- und Bettag war, noch intensiver einließ.

Dort stand u.a. ( etwas anders, da ich „Jesus“ und „Gott“ überall durch HM ersetzt habe):


Versöhnung fällt nicht leicht! Selten nur ist sie Thema der Psychologie – vielleicht weil Psychologen spüren, dass hier die menschliche Kunst allein recht hilflos bleibt. Da gibt es ja eine Wunde in mir, die schmerzt. Kann ich überhaupt ehrlich verzeihen, solange diese Wunde nicht geheilt ist?

Kann die HM uns helfen, aus dem Teufelskreis des verletzt und unversöhnt Seins herauszukommen? Wenn ich im Gebet meine seelischen Wunden ihr hinhalte, wenn ich auch meine Gefühle (auch die des Zorns und der Rachegelüste) vor ihr ausspreche, wie das in manchen Psalmen geschieht – dann erlebe ich oft, wie ich innerlich geheilt werde und über meine Wut, mein verletzt Sein hinauswachse. Ich erfahre das Wirken von Gnade! Bereit werden zur Versöhnung ist stets viel mehr ein Werk der Höheren Macht in mir als ein eigener Willensakt. ...
Es ist eine Erfahrung von Erlösung!

...

Impuls für den Tag:
Bei welchen Menschen „kommt mir die Galle hoch“, wenn ich sie nur sehe? Ich achte auf meine Gefühle: Welche Verletzungen stecken dahinter? Ob es mir wohl gelingt, im Gebet darüber zu sprechen ...
Fürs erste genügt diese grundsätzliche Bereitschaft, mich auf den inneren Prozess der Versöhnung einzulassen und die „HM an mir arbeiten zu lassen“. Alles weitere ist ein Werk der Gnade.

Gerade der letzte Satz klingt doch wie aus dem 12-Schritte-Programm! Es genügt die Bereitschaft, die HM machen zu lassen...
Aber als ich da näher hinfühlte, merkte ich, dass selbst die nicht da ist. Ich sperre mich. Ich will gar nicht verzeihen. Ich bin böse.

Dann beschloss ich, mich auf den Vorschlag des Gesprächs mit meiner HM einzulassen.


DU
Ich bin unversöhnt mit meiner Mutter.
Ich bin voller Zorn darüber, dass sie sich weigert, sich anzusehen, welche Wunden sie geschlagen hat; dass sie einfach davonläuft, leugnet und therapeutische Hilfe nur dazu benutzt, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden. Schuldgefühle, ja, denn Schuld gibt es ja keine.

Nein, ich will den Schuldbegriff nicht wieder einführen. Ich muss nicht von Schuld sprechen, von Schuldfähigkeit. Ich kann es auch Wahrheit und Wahrheitsfähigkeit nennen. Das ist sicher sinnvoller.

Ja, ich sehe auch, welch hohen Preis sie zahlt für das Leugnen der Wahrheit: mit der Wahrheit ist ihre ganze Geschichte verschwunden und ihre Identität – und so leidet sie jetzt an schweren Persönlichkeitsstörungen.

Dass sie lieber diesen Preis zahlt zeigt mir, wie unendlich schwer es für sie sein muss, geradezu unmöglich, sich der Wahrheit zu stellen Und trotzdem ... ich habe Zorn.

Manchmal frage ich mich, ob ich ihr überhaupt einen Gefallen getan habe, indem ich sie nicht konfrontiert habe. Ob ich ihr die Wahrheit nicht schuldig bin...
Aber ich hatte immer das Gefühl, sie würde daran zerbrechen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass aus einer Konfrontation etwas Gutes wachsen könne..
Oder war ich nur feige?

Und selbst, wenn sie sich nicht erinnert ... ich bin so böse, dass sie nicht teilt. Dass keiner sich kümmert..
Ich bin fassungslos darüber, dass eine sehr mobile Familie ihre psychisch kranke Tochter in 13 Jahren nicht einmal besucht, ihr Hilfe anbietet. Als ich noch mobil war, bin ich regelmäßig nach Hause gefahren. Kann Gleichgültigkeit deutlicher gezeigt werden?

Darüber habe ich mal mit ihr gesprochen. Sie findet das alles völlig normal. Sie kann eben wegen ihrer psychischen Situation nicht (akzeptiert) – und meine Brüder, nun, was solle es schon nützen (!!!), wenn jemand vorbeikäme?
Mein Gott, was ist sie krank, muss sie krank sein...

Gestern habe ich eine Karte von ihr aus Polen bekommen. Sie kann reisen.

Ja, ich habe alles, was ich brauche. Was mir fehlt, ist Sicherheit, Sicherheit, dass im Notfall jemand da ist, der mich unterstützt. Der mir mit mehr als einem Almosen unter die Arme greift, wenn’s drauf ankommt.

Ja, es gibt Menschen in der Welt, da gibt es weit und breit niemanden der helfen könnte. Aber in meiner Familie ist alles da! Es wird nur nicht geteilt.

Ja, mit derselben Berechtigung mögen das Menschen sagen, die hungern: es ist doch alles da, es wird nur nicht geteilt.

Ja, ich lehne unsere Lebensart hier in dieser Gesellschaft ab. Und doch schreie ich nach Teilhabe, nach teilen, nach „auch ein Stück vom Kuchen“ wollen. Wie passt das zusammen? Ist das nicht sehr kindlich?

Nein, ich leide keine materielle Not. Aber es tut weh, wenn sie gedankenlos immer von Sachen erzählt, die ich mir nie leisten könnte. Und dass es nicht mal zum 40. Geburtstag eine Geldspende gab ... – es ist doch klar, wie viele Wünsche in einem Sozialhilfeleben auflaufen... – ein Sozialhilfeleben aufgrund meiner psychischen Situation. – Ganz betroffen war sie, als ich ihr das sagte – aber geändert hat sich nichts. Mir tut diese Gleichgültigkeit weh.

Ich finde keine Ebene, auf der ich ihr begegnen kann.

Ich finde sie nicht.

Aber ich will versuchen, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass du mir einen Weg zeigst.

Ich will jetzt nicht mehr grübeln – ich habe dir alles gesagt.

Nimm du – ich bin bereit, mich führen zu lassen.

Ich danke dir, dass ich loslassen darf.

DANKE


Und dann halte ich auch schon wieder inne, stutze: an wen richte ich das Gesagte eigentlich? Confused
Es fällt mir nicht schwer, mich auf ein solches Gespräch einzulassen, mich an ein imaginäres DU zu richten - aber wenn es eben nur ein imaginäres DU ist, an das ich meine Hoffnung richte - ist das nicht etwas wenig?

Das Bild, dass ich im dritten Schritt gefunden habe, trifft es für mich immer noch ganz gut:


Ich glaube nämlich ganz bestimmt, dass es so etwas wie eine Ordnung gibt, ein Zusammenspiel allen Seins, das „funktioniert“; dass so wunderbar funktioniert wie beispielsweise das Zusammenspiel eines Orchesters. Wir alle sind das Orchester – und die Höhere Macht, an die jeder glaubt, der Dirigent. Und dieses Zusammenspiel, wenn ich mich daran orientiere, ist so, dass ich darin ganz und gar sei kann, auf eine Art, die für mich 100% richtig ist. Wenn ich auf den „großen Dirigenten“ höre, habe ich alles, was ich brauche – alles, was ich wirklich brauche. Und so gesehen ist es dann doch der dritte Schritt – denn wenn ich alles habe, was ich brauche, ist ja für mich gesorgt.
Der dritte Schritt bedeutet also für mich, mich der großen Ordnung anheim zu geben.


Und ich glaube auch, dass diese Ordnung nicht einfach zufällig entsteht. Ich glaube, dass es so etwas wie einen Weltgeist, eine Weltseele gibt, die alles zusammenhält, die in allem ist.

Ich merke, wie ich aufatme. Wie ich denke, das gibt einen Sinn...
Ich möchte meinen Platz in dem großen Orchester finden, und ich vertraue darauf, dass es eine geistige Kraft gibt, die mir dabei helfen kann.
Und weil ich das glaube, kann ich loslassen.

Ich stolpere eben manchmal über meine eigenen Aussagen, weil sie wie an eine Person gerichtet klingen - aber ich glaube nicht an eine Person, die alles richtet. Und ich weiß nicht, ob es Sinn macht, dieser Kraft Danke zu sagen. Was aber Sinn macht, ist dankbar zu sein. Und ich kann dankbar sein, weil ich diese Last loslassen kann.

P.S.: „Natürlich“ hab ich dieses Gefühl so nicht halten können, aber es hat sich gut anfühlt; so frei, so weit, so offen, in dem Moment, wo ich loslasse ... viel besser, als das zugesperrt sein...

 

27.11.06 14:19


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